Der Streit um Deutschlands wichtigste Auszeichnung spitzt sich zu. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist dieses Jahr der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel zugesprochen worden. Doch die Professorin tritt immer wieder mit heftig umstrittenen Äußerungen an die Öffentlichkeit. Am vorigen Sonntag hat der Vorstand des westdeutschen PEN den Börsenverein aufgefordert, seine Entscheidung zu überdenken. Die Auseinandersetzungen werden bis zur feierlichen Übergabe des Preises im Oktober nicht nachlassen.

Dabei sind die Verdienste der großen Orientalistin nicht zu übersehen: Seit fünfzig Jahren versucht sie, uns in die Geheimnisse der islamischen Mystik einzuführen. Ihr wissenschaftliches Lebenswerk wird durch politisch fatale Äußerungen vor Mikrophonen und Kameras nicht entwertet.

Aber der Friedenspreis ist kein Übersetzerpreis, auch keine Ehrung bloß für hervorragende wissenschaftliche oder literarische Leistungen. Er soll Personen zukommen, "die in hervorragendem Maße zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen" haben. So heißt es im Statut der Stiftung Friedenspreis.

Die designierte Preisträgerin dieses Jahres hat unfreiwillig unsere Einsicht gefördert, daß nicht jeder Beitrag zur Verständigung ein Beitrag zum Frieden ist. Es kommt doch sehr darauf an, wie man sich verständigt und über welche Ziele. Das Politische kann man bei der "Verwirklichung des Friedensgedankens" nicht ausklammern. Genau das aber tat der Stiftungsrat. Er ehrte die Wissenschaftlerin und Übersetzerin und muß jetzt erschrocken hören und lesen, was sie, nach aktuellen Dingen befragt, politisch dazu zu sagen hat. Eine Wissenschaftlerin, die sich als "absolut unpolitischen Menschen" charakterisiert, um zu begründen, warum sie sich nicht bei ihren iranischen Gesprächspartnern für den verfolgten Salman Rushdie einsetzt, betreibt eine Art von peace making, die bisher nicht als preiswürdig galt.

Ein falscher Friede: Wer dagegen streitet, daß in der Türkei, in Saudi-Arabien oder im Iran gefoltert und gesteinigt wird, dem wird nur zu oft entgegengehalten, man habe es dort mit anderen Kulturen zu tun; deren Eigenständigkeit wie Tradition seien zu achten und Kritik daran sei ein Angriff auf die Identität dieser Gesellschaften. Aber was heißt hier Identität? Einen Islam gibt es nur für seine Widersacher und seine Fanatiker. In Wahrheit existieren - entgegen den Lehren der Grammatik - so viele Islams wie Christentümer. Hier wie dort gibt es kaum einen Gedanken, der innerhalb dieser Traditionen nicht gedacht worden wäre. Zum Heiligen gehört überall auch das Sakrileg. Wenn Rushdie das Allerheiligste schmähte, dann nicht, weil er Westler wäre. Schließlich kam auch der Schelmenroman aus dem Orient nach Europa. Der Versuch aber, eine bestimmte Koraninterpretation für Millionenbevölkerungen verbindlich zu machen, ist nur terroristisch zu realisieren.

Der Ruf nach Meinungsfreiheit ist keine nur okzidentale Errungenschaft; das Verlangen, jemand anderen daran zu hindern, laut zu sagen, was man selbst nicht einmal zu denken wagt, ist nicht der Impuls zur "asiatischen Tat". Mit dem Schema Ost und West hat das nichts zu tun. In der Geschichte beider Hemisphären hat einmal die eine, einmal die andere Haltung die Oberhand gehabt.

Niemand darf für seine Meinung umgebracht werden. Zumindest diese Selbstverständlichkeit gilt es, überall zu verteidigen. Der Versuch der designierten Friedenspreisträgerin, einer überraschten Öffentlichkeit immer noch einzureden, man müsse Verständnis dafür aufbringen, daß es zu Morddrohungen gegenüber jemandem kommt, der seine satirischen Gedanken aufgeschrieben hat, dient nicht der "Verwirklichung des Friedensgedankens", sondern der Verständigung mit denen, die ihr mit allen Mitteln entgegenwirken.