Knut Hohlfeld, Chef des ehrwürdigen Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen (BAV), hat ein ungewöhnlich lautes Machtwort gesprochen: "Die deutschen Lebensversicherer müssen ihre Tarife für private Rentenversicherungen umgehend auf die neue Sterbetafel von 1994 umstellen", forderte er vor wenigen Wochen in Berlin. Die aus dem Jahre 1987 stammende, bis heute zur Kalkulation von Rententarifen benutzte Sterbetafel berücksichtige die inzwischen erheblich gestiegene Lebenserwartung der Deutschen nicht. "Angebote auf Grundlage dieser alten Tarife sind Mogelpackungen", kritisiert Hohlfeld. Die Angebote würden üppigere Versicherungsleistungen versprechen, als die Gesellschaften in Zukunft auszahlen können.

Für den Kunden bedeutet dies: Die Beiträge für private Rentenversicherungen werden um rund zehn Prozent teurer. Wer bereits eine private Rentenversicherung abgeschlossen hat, muß mit entsprechend niedrigeren Monatszahlungen im Alter rechnen. "Sollte eine Gesellschaft sich auch nach einer Übergangsfrist nicht an die Vorgabe des Amtes halten", werde er die Schließung dieser Tarife für neue Kunden anordnen, erklärte Hohlfeld. Harte Worte, die der Branche vor allem eins klarmachen sollen: Die Versicherungsaufsicht ist auch im liberalisierten Europäischen Binnenmarkt nicht ganz zahnlos. Die Behörde darf zwar die Produkte der Lebensversicherer nicht mehr wie gewohnt vorab kontrollieren, doch sie hat auch künftig ein Wörtchen mitzureden, wenn "die Gefahr besteht, daß die Anbieter ihren Verpflichtungen den Kunden gegenüber nicht nachkommen können", erklärt BAV-Sprecherin Elke Washausen-Richter.

Auch heute stellen viele private Versicherer ihren Kunden immer noch Leistungen, die nach der Sterbetafel von 1987 berechnet wurden, in Aussicht. Schon 1992 jedoch wurden die Menschen im Schnitt fünf Jahre älter als damals, rechnet Eckart Bomsdorf von der Universität zu Köln vor. Bereits vor Jahren hatten Experten aus den eigenen Reihen wie etwa Wolf Becke, für das Lebensversicherungsgeschäft bei der Hannover Rückversicherungs-AG zuständig, vor einer "tickenden Zeitbombe" im Portefeuille der Anbieter gewarnt. Doch das schwindende Vertrauen der Deutschen in die gesetzliche Rentenversicherung bescherte den Gesellschaften ein so prächtiges Neugeschäft, daß die Gefahr erfolgreich verdrängt wurde.

Besonders beliebt ist die Privatrente bei Kunden, die keine Angehörigen zu versorgen haben und den Todesfallschutz bei der Kapitallebensversicherung nicht mitbezahlen wollen. Zwanzigprozentige jährliche Zuwachsraten bei Neuabschlüssen sind seit drei Jahren eher Regel als Ausnahme. Viel zu lange haben eifrige Versicherungsvertreter ihren Kunden daher falsche Versprechungen gemacht.

"Wer am Abschluß einer privaten Rentenversicherung interessiert ist, sollte sich vergewissern, daß der Tarif mit der aktuellen Sterbetafel von 1994 kalkuliert wurde. Nur dann kann auch mit den erwarteten Leistungen gerechnet werden", rät der BAV-Präsident heute. Doch selbst diese Empfehlung hat bei genauem Hinsehen einen Haken: Wie Kurt Wohlsdorf, Vorstandsmitglied der Hamburg-Mannheimer Versicherungen, erläutert, errechnen die Lebensversicherer ihre Sterbetafeln auf Grundlage allgemeiner Bevölkerungsstatistiken, die wiederum auf Volkszählungen basieren. Die neuesten Daten, die der Sterbetafel von 1994, stammen aus dem Jahr 1992, sind also heute schon wieder veraltet. Auch wenn in den neuen Sterbetafeln Sicherheitszuschläge eingerechnet wurden: Wenn sich die Prognosen vom Siegeszug der erfolgreichen Krebsbehandlung zu Beginn des nächsten Jahrtausends bewahrheiten, muß mit weiteren Abstrichen an den Ruhegeldern gerechnet werden. Was dies für den einzelnen bedeuten kann, zeigt ein Beispiel: Eine bei der Allianz am 1. Mai 1991 abgeschlossene private Rentenversicherung mit 250 Mark Monatsbeitrag und 32 Jahren Laufzeit für eine heute 37 Jahre alte Frau erbringt eine garantierte lebenslängliche Rentenzahlung von 805,70 Mark monatlich. Einschließlich Gewinnbeteiligung stellte die Gesellschaft der Kundin 2833,50 Mark Monatsrente in Aussicht. Schon aus heutiger Sicht muß die Kundin damit rechnen, daß sich die hochgerechnete Überschußbeteiligung von 2027,80 Mark um rund zehn Prozent verringert. Die monatliche Zahlung würde also nur noch 2630,72 betragen.

Wie hoch die Abstriche tatsächlich ausfallen, hängt zwar auch vom Wirtschaften der einzelnen Gesellschaft ab. Doch diese Rechnung macht unmißverständlich klar, was die Branche ihren Kunden allzu lange verheimlicht hat: Auch die Leistungsfähigkeit der privaten Rentenversicherung ist abhängig von der Lebenserwartung ihrer Kunden. Paul Neurohr, bei der Cosmos Lebensversicherung unter anderem für die Überwachung der Tarife zuständig: "Um die Kürzung kommt der Versicherte nur dann herum, wenn er sich nach der Ansparphase seiner Rentenversicherung für die Kapitalabfindung entscheidet." Der Grund: In diesem Fall nimmt er dem Versicherer das Risiko der Langlebigkeit ab. Wie Neurohr betont, wirke sich das lange Leben ausschließlich auf die Auszahlungsphase, nicht aber auf die Ansparphase der Versicherung aus.

Den Herren der Versicherungsgesellschaften bläst nun jedoch der scharfe Wind des liberalisierten Marktes ins Gesicht: Die traditionsreiche britische Gesellschaft Equitable Life, älteste Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit der Welt und seit zwei Jahren auf dem deutschen Markt tätig, nutzt die Gunst der Stunde und wirbt mit einer erstaunlich günstigen Privatrente um die deutsche Kundschaft. Laut Marketingleiter Stefan Jauernig unterscheidet Equitable nicht wie die deutschen Anbieter zwischen einer garantierten Rentenzahlung und einer zusätzlichen Beteiligung der Kunden an den vom Versicherer erwirtschafteten Überschüssen. Equitable offeriert eine komplett garantierte Monatsrente.