Bonn

Alles wird sein wie immer: Zehntausende werden herbeiströmen und eintauchen in die Welt der Folklore; sie werden schwelgen in Erinnerungen und Melancholie; sie werden beim Volkstumsabend schunkeln und das Motto ganz ernst nehmen (". . . fand ich doch die alten Freunde"); sie werden beklagen, daß sie seit dem letzten Brauchtumsabend nicht jünger geworden und wieder ein paar Weggefährten weggestorben sind; sie werden den Gottesdienst besuchen und schließlich dem Vereinsvorsitzenden lauschen, der e inmal mehr das Recht auf Heimat postulieren und vom tschechischen Präsidenten Entgegenkommen verlangen wird.

Sudetendeutscher Tag, 46. Auflage. Alles wie gehabt. Warum also die ganze Aufregung in Bonn?

Dramatisch klingt, was Antje Vollmer, die grüne Vizepräsidentin des Bundestages, sagt: "Fast alles" hänge von dieser Pfingstveranstaltung in München ab. "Ein magisches Datum" nennt der FDP-Außenpolitiker Ulrich Irmer den Sudetendeutschen Tag 1995. Vorher bewege sich nichts im deutsch-tschechischen Verhältnis, heißt es aus dem Kanzleramt und dem Außenministerium. Aber danach! Wenn der Sudetendeutsche Tag nur ohne schrille Töne auskommen könnte!

Um die Manuskripte der Hauptredner hat deshalb ein ungewohntes Gezerre eingesetzt. Vorabstimmungen nennen das die Redigierer aus den Parteien, die mäßigend auf den Chef der Landsmannschaft, Franz Neubauer, einwirken wollen, aber auch auf Ministerpräsident Edmund Stoiber, den Mentor des vierten Stammes der Bayern.

Wäre das deutsch-tschechische Verhältnis in Ordnung, müßte ritualhaftes Nachtarocken der Sudetendeutschen niemanden erschrecken. Tatsächlich ist aber seit 1991, seit dem Abschluß des Nachbarschaftsvertrages, nichts mehr vorangekommen - anders als im Verhältnis zum Ostnachbarn Polen. Helmut Kohl hatte zaudernd die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze anerkennen müssen, um die deutsche Einheit erreichen zu können. Die Schlesierverbände waren ihrer irrealen Hoffnungen beraubt. Dieser klare Schnitt hat befriedend gewirkt, nach innen und nach außen.

Im deutsch-tschechischen Verhältnis ist es hingegen nicht zur Befriedung gekommen, weil sich die Bundesregierung zu keinem ähnlich klaren Schnitt genötigt sah. Bittere Wahrheiten mußte die Landsmannschaft aus dem Munde der eigenen Regierung nie hören. Im Gegenteil: Auf Betreiben des Sudetenverbandes und ihres Mentors, der CSU, blieben im Nachbarschaftsvertrag die strittigen Fragen etwaiger Entschädigungen und Rückkehrrechte für Vertriebene ausgespart. Das hat den Kreislauf der Ansprüche und Gegenrechnungen immer neu in Gang gesetzt.