Rangun/Mandalay Der Nachtmarkt von Mandalay läßt sich noch nicht mit der berühmten Konkurrenz in Chiang Mai im Nachbarland Thailand vergleichen. Aber das emsige bunte Treiben zeigt, daß sich viel geändert hat in Birma. Hier gab es bis vor kurzem praktisch nichts zu kaufen und schon gar nichts aus dem Ausland. Auch in Mandalay wird jede Menge chinesischen Plunders verhökert, aber im Angebot sind nun auch T-Shirts aus Thailand oder Radios aus Japan. Natürlich gibt es die auch in der Hauptstadt Rangun, aber hier sind sie, weil geschmuggelt, viel billiger. Die freie Marktwirtschaft, die die Junta-Generäle des Staatsrats für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung (Slorc) ihrem Land verordnet haben, funktioniert.

Am Stand, der Buddhabilder und bunte Kalenderblätter verkauft, prangt auch das Konterfei des Freiheitshelden Aung San, der das Land in die Unabhängigkeit geführt hat. Doch es ist nicht der übliche heroische Kopf, den jeder Birmane, der es nicht mit Slorc hält, zu Hause hängen hat. Das etwas unscharfe Photo zeigt den General mit einem kleinen Kind auf den Knien: Suu Kyi ist es - für alle, die sich nicht trauen, die berühmte Tochter im Erwachsenenalter bei sich zu haben. Doch heimlich werden auch neue Portraits der weltbekanntesten Gefangenen verkauft. So haben sich die Herren Generäle die freie Marktwirtschaft wohl nicht vorgestellt.

"Nelson Mandela hat 27 Jahre im Gefängnis gesessen, und sie haben ihn nicht brechen können", sagt ein junger Mann, während er sich über die Buddhabilder beugt. Da es gefährlich ist, den Namen Aung San Suu Kyi zu nennen, wird heutzutage viel über den südafrikanischen Präsidenten gesprochen in Birma, das nach dem Willen von Slorc nun Myanmar heißt. Die "Lady", wie sie die Führerin der 1988 blutig niedergeschlagenen Demokratiebewegung und Siegerin der Wahlen von 1990 nennen, deren Erfolg von der Junta schlicht ignoriert wurde, ist für viele Birmanen die einzige große Hoffnung. Seit über fünf Jahren sitzt sie gefangen in ihrem Elternhaus in der University Avenue, das mittlerweile von Pflanzen überwuchert ist, da sie nicht einmal in den Garten hinaus darf. Die Generäle sind entschlossen, sie festzuhalten, es sei denn, sie verließe für immer das Land.

Eine handverlesene Versammlung arbeitet seit 1992 an einer neuen Verfassung, die die führende Rolle der Armee festschreiben und Personen von politischen Ämtern ausschließen soll, die lange im Ausland gelebt haben oder mit Ausländern verheiratet sind. Beides trifft auf Aung San Suu Kyi zu. Dabei hat das Terrorregime die Bevölkerung so konsequent eingeschüchtert und die Demokratisierung so gründlich zerschlagen, daß selbst eine freie Suu Kyi nach Meinung vieler Beobachter heute kaum noch eine Chance hätte, die politischen Verhältnisse zu verändern.

Doch die Generäle wollen kein Risiko eingehen, zumal jetzt, wo die Falken dabei sind, die bisherigen, etwas pragmatischeren starken Männer der Junta beiseite zu drücken, den Seniorgeneral Than Shwe und den Sekretär Nummer Eins Khin Nyunt, der in der Hauptfunktion Geheimdienstchef ist. Das Militär setzt mit der Devise "Slorc ist dazu da, alle glücklich zu machen" auf Konsum und hofft, daß das Volk darüber den Traum von der Demokratie vergessen wird. In der Region gibt es ohnehin Lehrmeister genug, die sagen: erst Entwicklung, dann (vielleicht) Freiheit. Indonesien ist das große Vorbild der Generäle.

Gleichzeitig haben sie geschickt die ethnischen Minderheiten, die fast die Hälfte des Landes bewohnen und die seit 1948 im Aufstand sind, dazu gebracht, ihre Waffen niederzulegen, mit Gewalt oder mit Überredung. Von sechzehn Guerillaarmeen kämpfen nur noch drei, und die größte, die der Karen, ist gerade vernichtend geschlagen worden. Nun macht die Truppe, vom großen Verbündeten China mit Waffen ausgestattet, Jagd auf den Drogenkönig Khun Sa, und die Regierung hofft auf den Beifall der Amerikaner. Washington hat seit den mißachteten Wahlen von 1990 keinen Botschafter mehr in Rangun und pocht auf die Einhaltung der Menschenrechte und die Freilassung von Suu Kyi. Siebzig Prozent des Heroins, das in den Vereinigten Staaten aufgespürt wird, kommt aus dem Goldenen Dreieck, das meiste aus Khun Sas Schanstaat.

Die fetten Profite, die bei Geschäften mit dem ressourcenreichen Land locken, haben schon die Asean-Staaten zu einer Politik mit dem Paria Slorc veranlaßt, die schöngefärbt "konstruktives Engagement" heißt. Auch die Boykottfront des Westens ist längst abgebröckelt. Sogar Japan hat sich eines anderen besonnen. Jetzt, da die einträglichen Claims abgesteckt werden, will Tokio nur wegen hehrer Prinzipien nicht zu spät kommen. Die offizielle Hilfe ist mit elf Millionen Dollar zwar gering, aber die Lizenzen, die sich japanische Firmen unterdessen gesichert haben, sind um so vielversprechender. Die Giganten Marubeni und Sumitomo "helfen der birmanischen Regierung bei ihren Entwicklungsanstrengungen", heißt es. Slorc wird gesellschaftsfähig.