Beschwerlich ist der Weg hinauf auf den Bielstein. Die 650 Meter hohe Basaltkuppe ist der höchste Punkt im Kaufunger Wald, östlich von Kassel. Der Laubmischwald mit Bergahorn, Buchen und Ulmen hier ist der Stolz der hiesigen Forstleute - gewesen. Denn während Bergahorn und Buchen bereits ihr grünes Frühlingskleid angelegt haben, bieten die winterkahlen Ulmen ein Bild des Jammers: Die schütteren Kronen haben sämtliches Feinreisig verloren, die Rinde klebt nur noch in wenigen Fetzen an den Stämmen. Die mächtigen, rund 30 Meter hohen und bis zu 150 Jahre alten Waldriesen haben sich in Baumruinen verwandelt.

Schuld daran ist ein aus Übersee eingeschleppter Pilz, Ophiostoma ulmi. Als Transportmedium nutzt er Borkenkäfer, die auf Ulmen spezialisiert sind, die Ulmensplintkäfer. Wahrscheinlich angelockt vom Ulmenduft, bohren die Käfer sich in die Rinde und streifen dabei die Sporen des Pilzes ab. Diese gelangen in den Saftstrom und sind innerhalb von 24 Stunden in der letzten Spitze des Baumes. Das Zellgefüge in den Leitungsbahnen wird zerstört, und der Wasserhaushalt der Pflanze bricht zusammen: Die Ulmen verdursten buchstäblich.

Das "Ulmensterben" ist in den vergangenen Jahren zum Schrecken der Forstwirte geworden. So hat in Niedersachsen wohl keine einzige Feldulme überlebt. Auch die Parkanlagen vieler Städte und Gemeinden sind mittlerweile "ulmenfrei". Fachleute schätzen, daß bislang mehr als siebzig Prozent der Feld- und Bergulmen dem Seuchenzug zum Opfer gefallen sind. Doch nun gibt es Hoffnung: Es häufen sich die Anzeichen, daß das Ulmensterben seinen Höhepunkt überschritten hat. Schon einmal hat der aus Ostasien stammende Parasit die Ulmen in Europa heimgesucht. Damals, in den zwanziger Jahren, ist ein Fünftel der Ulmen abgestorben, der Rest konnte die Epidemie überleben. Wahrscheinlich verborgen in Furnierholz, gelangte der Pilz dann nach Nordamerika, wo er den dortigen Ulmen erheblich zugesetzt hat. "Ironie des Schicksals ist, daß dort der Pilz erheblich aggressiver geworden ist. Diese aggressive Rasse wurde zu Beginn der sechziger Jahre mit Furnierstämmen amerikanischer Ulmen nach England reimportiert und hat von dort aus eine zweite Epidemie ausgelöst", skizziert der Forstpflanzenzüchter Jürgen Bohnens von der Hessischen Landesanstalt für Forsteinrichtung, Waldforschung und Waldökologie in Hannoversch Münden die weltweite Odyssee des mörderischen Pilzes.

Inzwischen deuten einige Anzeichen darauf hin, daß der Pilz überall dort, wo er bereits gewütet hat, seine Aggressivität verliert. "Biologisch würde es auch keinen Sinn machen, wenn ein Parasit seinen Wirt völlig ausrottet", meint Bohnens und hofft, daß sich langfristig ein Fließgleichgewicht zwischen Wirt und Parasit einstellt.

Diese Hoffnung wird auch aus einem anderen Grund genährt: Selbst wenn der Pilz eine Ulme abtötet, kann die (noch vitale) Wurzelmasse wieder junge Ulmen sprießen lassen. "Diese Wurzelbrut ist dann so wuchsfreudig, daß sie zuweilen den Nachwuchs unserer Eschen stark bedrängt", berichtet Albrecht Behm, Leiter der Bayerischen Landesanstalt für Forstliche Saat- und Pflanzenzucht in Teisendorf.

Und gegen den Großen Ulmensplintkäfer sind die Jungulmen aus einem simplen Grund geschützt: Wenn die Stämme nicht dick genug sind, findet er sie nicht. Wohl aber könnte ein kleinerer Vetter, der Zwergsplintkäfer, solche Stockausschläge mit den Sporen des Pilzes infizieren. Eine gewisse Gefahr bleibt also. Folglich muß die Wissenschaft durch flankierende Maßnahmen nachhelfen, um die Ulme in Mitteleuropa zu erhalten.

Da gibt es zum einen den - umstrittenen - Weg der Resistenzzüchtung. Ostasiatische Ulmen sind gegenüber dem Pilz resistent, und der Handel bietet auch hierzulande Klone an, die Erbmaterial dieser widerstandsfähigen Ulmen enthalten. Die Frage ist aber, ob sich diese "Resista-Ulmen" langfristig auch im Wald bewähren würden. Zweifel sind angebracht. Zum einen ist offen, ob sie sich im ökologischen Umfeld unserer Wälder überhaupt halten können. Und zum anderen dürften die ausgesprochen variationsfreudigen Parasiten diese Resistenz früher oder später unterlaufen. "Was in der Landwirtschaft mit einjährigen Kulturpflanzen noch halbwegs funktionieren mag, ist für die Forstwirtschaft in der Regel kein Rezept", lehnt Albrecht Behm den Anbau von Resista-Ulmen in Bayerns Wäldern ab. "Bäume müssen über viele Jahrzehnte hinweg in der Lage sein, allen möglichen Widrigkeiten in einer ausgesprochen vielgestaltigen Umwelt zu trotzen", ergänzt Gerhard Müller-Starck von der Universität München in Freising-Weihenstephan, "und da wäre es fatal, alles auf eine Karte mit nur wenigen Klonen zu setzen und sich nur auf ganz bestimmte Schadorganismen zu konzentrieren."