Stella übt noch. Telephonieren zum Beispiel. Den Kopf im Nacken geht sie auf und ab, mit leicht exaltierter Stimme, das macht einen geschäftigen Eindruck. Oder sie hält Reden, an ihr Spiegelbild, an den schlafenden Onkel, an die verschollene Mutter in der Telephonzelle. Die Posen guckt sie den Theaterleuten ab: das Chargieren, die Ticks, die Affären. Das Bumsen, wie sie es nennt, übt sie auch. Stella begreift nichts, sieht alles und macht es nach. Noch wenn sie verzweifelt, bastelt sie eine kleine Szene daraus. Ihr Leben: ein Amateurtheater. Ihre Rolle: die geblendete Unschuld. Ihr Traum: Sie will zur Bühne. Vorerst hat sie es bis zum Lehrling gebracht, als Mädchen für alles.

Greg übt ebenfalls. Als neuer Pfarrer steht er auf der Kanzel und verdammt, was des Teufels ist: Gewalt, Drogen, Trunksucht. Die Gemeinde versteht nicht; katholische Moralpredigten stoßen im sozial schwächsten Viertel von Liverpool auf taube Ohren. Dem Mädchen Lisa, das regelmäßig vom Vater vergewaltigt wird, hilft Greg jedoch nicht - wegen des Beichtgeheimnisses. Aber als sich herausstellt, daß der Pfarrer schwul ist, geht keiner mehr bei ihm zur Kommunion. Nicht nur der Bischof ist bigott. Gregs Existenz: ein Doppelleben zwischen Zölibat und Fleischeslust. Seine Rolle: der Schuldige. Sein Traum: Seelenfrieden. Vorerst hat er Skrupel und wehrt sich mit Bibelzitaten.

"Eine sachliche Romanze" von Mike Newell und "Der Priester" von Antonia Bird: zwei Geschichten aus Liverpool, zwei Filme über Sein und Schein und Lebenslügen. Stella leidet am Zynismus der anderen und an den eigenen Illusionen, Greg wird Opfer seiner Orthodoxie. Bis zum Schluß hält er Schwulsein für abartig. "Eine Krankheit, immer etwas anderes sein zu wollen. Verlier dich bloß nicht aus den Augen", rät die Theaterleiterin der jungen Stella, als die gerade eine Ohnmacht simuliert.

Die Filmemacher Newell und Bird gehören zur Generation des New British Cinema mit seiner Liebe zu den Opfern des Thatcherismus, zu den Arbeitslosen und Einwanderern, Überlebenskünstlern und gescheiterten Existenzen. Bekannte Gesichter, vertrautes Ambiente: Die meisten Nebendarsteller hat man bei Ken Loach, Mike Leigh, Neil Jordan oder Jim Sheridan schon einmal gesehen und ebenso die rostigen Docks oder die Backsteinhäuser mit den engen Stiegen.

Nur die Zeit ist eine andere: "Der Priester" spielt im Liverpool der Gegenwart, "Eine sachliche Romanze" Ende der vierziger Jahre, als England "den Krieg gewonnen, aber den Frieden verloren hatte" (Newell). Nach seinem Kassenerfolg "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" hätte man Mike Newell einen solch dokumentarischen Blick kaum zugetraut. Und erst recht nicht Hugh Grant, dem netten jungen Mann aus "Vier Hochzeiten", die Rolle des Theaterregisseurs Potter: ein monokeltragendes Ekel mit nikotingelben Fingern, krampfhaft verzerrten Mundwinkeln und eiskalt intrigantem Blick. Mit Stellas Liebe treibt Potter, der Männer bevorzugt, ein ebenso böses Spiel wie Newell mit dem Image des umschwärmten Stars.

Leider sind die Filme noch nicht zu Ende. Beide verraten ihre Protagonisten an die Regeln des Melodrams. Stella verführt (wegen der Übung) den geheimnisvollen Schauspieler O'Hara (Alan Rickman) und beschwört so dessen finstere Vergangenheit herauf, weshalb die Story gemeinsam mit O'Hara ein lächerlich tragisches Ende nimmt. Statt die Chargen liebevoll bloßzustellen, mündet "Eine sachliche Romanze" selbst in eine Schmierentragödie. Auch Gregs Seelenpein wird in ein moralisches Lehrstück umgebogen, das mit seiner Kritik am Zölibat zwar kirchliche Proteste provozierte, wegen der "vielen positiv vertretenen christlichen Werte" aber eine lobende Stellungnahme der ökumenischen Berlinale-Jury erhielt. Dem Schuldkomplex, den der Film anprangert, bleibt er selbst verhaftet.

"Der Priester" kennt ausschließlich bitterböse oder herzensgute Menschen. Einerseits grimassierende Monster (Lisas Vater, der Bischof, der reaktionäre Landpfarrer), andererseits fröhlich singende, arme Gemeindemitglieder oder Gregs Kollegen Matthew, einen rundum sympathischen Arbeiterpriester mit Labour-Parolen, Zopfmusterpulli und aufrichtiger Liebe zur Haushälterin. So reduziert sich Gregs Konflikt auf Wortgefechte und dräuenden Soundtrack. Seine buchstäbliche Crux, die dem Katholizismus wesentliche Homoerotik, wird bloß nebenbei bemerkt: als der Verzweifelte sich Erlösung erfleht von eben dem, der ihn quält, von einem "nackten Mann am Kreuz, äußerst begehrenswert".