Bevor die wissenschaftliche Medizin Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, wurde der Tod in den meisten Kulturen leichter akzeptiert als heute: Früher galt Sterben als unausweichlich, und zwar von der Kindheit bis ins hohe Alter. Die Medizin konnte nur selten heilen. Zur Verlängerung des Lebens trugen hauptsächlich bessere Ernährung, Wohnung und Hygiene bei. Die Hauptaufgaben der Medizin waren Pflege, Trost und Linderung. Sehr wichtig scheint mir, daß die Kulturen der vorwissenschaftlichen Ära verschiedene Formen des Umgangs mit dem Tode entwickelt hatten, etwa religiöse Rituale, soziales Verhalten oder Versuche der Sinngebung, die beim Sterben oder der nachfolgenden Trauer helfen sollten. Der Tod war gefürchtet, aber akzeptiert.

Die wissenschaftliche Medizin mit ihren Erfolgen hat dies gründlich verändert. Ihr größter Triumph war der mehr oder weniger vollständige Sieg über die Infektionskrankheiten. Die Kindersterblichkeit ist drastisch gesunken, die durchschnittliche Lebenserwartung enorm gestiegen, ebenso jedoch auch die Zahl der chronischen und altersbedingten Leiden. Heute sterben die Menschen häufiger an solchen Krankheiten als vor hundert Jahren.

Diese Verschiebungen ließen die Sinngebung durch Symbole und Rituale bröckeln, die als Antwort auf Sterben und Tod dienen. Wir haben das Sterben privatisiert und überlassen die Suche nach dem Sinn meist gläubigen Menschen, die ihre Probleme beim Kirchen- oder Synagogenbesuch lösen sollen. Unsere zunehmend säkularisierte Gesellschaft kennt kaum mehr gemeinsame Todesrituale. Wir versuchen, den Tod zu verstecken und hinter institutionelle Türen zu bannen.

Vor allem aber wurde der Tod zunehmend als Feind betrachtet. Die moderne Heilkunst erklärte nicht nur Freund Hein den Krieg, sondern auch jenem Fatalismus, mit dem einst viele dem Sterben zusahen. Karl Marx hat einmal gesagt, es sei nicht das Problem der Philosophie, das Leben zu verstehen, sondern es zu verändern. Die moderne Medizin denkt sehr ähnlich: Das Problem ist nicht, den Tod zu verstehen, sondern ihn loszuwerden. Mit dieser Fehde haben wir uns eine Reihe komplexer, schwerer Probleme eingehandelt. So wurde es immer schwieriger herauszufinden, wie wir Menschen sterben lassen wollen - trotz vieler Reformbemühungen in der Pflege von Todkranken. Der technische Fortschritt, der die Grenze zwischen Leben und Sterben zunehmend verwischt, ist meines Erachtens die wichtigste Ursache dieses Problems. In manchen Ländern, etwa in den Niederlanden und den USA, hat sich ein starker Trend zur Euthanasie und zum unterstützten Suizid entwickelt. Ich halte dies für sozial verheerend, doch dazu später mehr.

Drei Dimensionen in unserem Verständnis des Todes sollten wir überdenken: Die erste betrifft das Verhältnis von Tod und Ich. Wir leben in einer Kultur, die meist auf Kontrolle und Selbstbestimmung versessen ist, als wären die größten Errungenschaften der Menschheit Autonomie und Möglichkeit der Wahl. Dies macht es äußerst schwierig, die Unvermeidbarkeit des Todes als Teil unseres Lebens und den Tod in seiner Beziehung zum Ich zu verstehen. Die zweite Dimension berührt die Beziehung zwischen Tod und Natur. Wo fügt sich der Tod in sie und in die menschliche Natur ein? Manche Philosophen sehen bereits keinen Unterschied mehr zwischen Töten und Sterbenlassen. Wenn eine lebensunterstützende Maschine abgestellt oder eine tödliche Dosis gespritzt wird, führt das ihrer Meinung nach zum gleichen Ergebnis, nämlich einem toten Menschen. Deshalb gebe es auch keinen moralischen Unterschied. Ich halte dies für völlig falsch. Denn ein solches Denken beruht auf einer bemerkenswerten Fehlinterpretation der Natur und auf der irrigen Vorstellung, alles Geschehen in dieser Welt sei irgendwie unser Fehler oder stünde unter unserer Kontrolle. Der Tod liegt jedoch außerhalb unserer Kontrolle, er ist immer noch ein Teil der Natur, auch wenn wir sie ein bißchen manipulieren können.

Die dritte Dimension betrifft die Beziehung zwischen Tod und moderner Medizin. Dies ist ein völlig zerrüttetes Verhältnis, ein Kriegszustand mit unseligen Konsequenzen. Ich möchte hier vor allem Wege aufzeigen, wie sich diese Fehde zwar nicht beenden, aber befrieden ließe.

Man könnte ja einfach sagen: Medizin und Tod bekriegen sich, und so muß es auch sein, denn das ist ihr eigentliches Ziel, den Tod zu bekämpfen und zu vereiteln. Ich halte diese Metapher für ungeeignet. Denn wenn wir von einem Krieg reden, dann wird der Tod immer siegen. Immer.