Die Kontrahenten

Lutz Hoffmann ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das im Auftrag von Greenpeace als erste wirtschaftswissenschaftliche Denkfabrik ein vollständig durchgerechnetes Modell für eine Ökosteuerreform vorgelegt hat (ZEIT Nr. 24/1994). Die Ökonomen sollten herausfinden, was wirklich geschieht, wenn gleichzeitig die steuerliche Belastung des Energieverbrauchs erhöht und die der Arbeit gesenkt wird. Ihr Ergebnis: Es wird nicht nur das Energiesparen beschleunigt; weil das Steueraufkommen zum überwiegenden Teil dafür verwendet wird, die Rentenversicherungsbeiträge der Arbeitgeber zu ersetzen - sie sinken binnen zehn Jahren um rund drei Viertel -, wird auch ein positiver Beschäftigungseffekt erreicht. Das - keineswegs unumstrittene - Gutachten hat wie keine andere Studie die politische Debatte beeinflußt, auch die in der vergangenen Woche von den Grünen präsentierten Ökosteuerpläne orientieren sich daran.

Hans-Olaf Henkel ist seit Anfang dieses Jahres Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Der Spitzenverband von 35 Branchenorganisationen mit insgesamt rund 80 000 Mitgliedern hält die Aussagen des DIW für "wirklichkeitsfern" und fürchtet negative Wirkungen auf Wachstum, Beschäftigung, Geldwertstabilität und Außenhandel. Henkel war zuvor Chef von IBM Deutschland, anschließend leitete er die Europazentrale des Computerkonzerns. 1992 wurde er vom World Wide Fund for Nature (WWF) und von der Zeitschrift Capital zum Ökomanager des Jahres gewählt. Es könne noch viel getan werden, weniger "umweltfeindlich" zu sein, wurde er damals zitiert. Eine ökologische Steuerreform a la DIW trägt nach Ansicht von Henkel dazu jedoch nichts bei.

ZEIT: Herr Henkel, Sie sind vor drei Jahren zum Ökomanager gewählt worden. Welche Frist geben Sie der Erde noch, würde die Wirtschaftsweise der Deutschen zum weltweiten Vorbild?

Henkel: Auf jeden Fall eine ziemlich lange, und die deutsche Industrie ist unzweifelhaft Vorreiter im Umweltschutz.

ZEIT: Sind wir wirklich Vorreiter, Herr Hoffmann, oder leben gerade die Deutschen ökologisch über ihre Verhältnisse?

Hoffmann: Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Ich glaube schon, daß im Vergleich zu anderen Ländern bei uns ökologisch eine ganze Menge getan wird. Die Frage ist aber, ob es genug ist, um insbesondere die drohende Klimakatastrophe noch frühzeitig genug in den Griff zu bekommen. Da habe ich Bedenken.