Die Tür zu seinem Haus im Londoner Vorort Hampstead Heath steht sperrangelweit offen. Aber das täuscht. Alfred Brendel ist nicht ansprechbar. Wir sind schon in der Diele und schon im Zimmer zwischen Bücherwänden und Kamin, pünktlich um elf Uhr, wie verabredet. Da kommt er auf langen Beinen die Treppe herunter, Augenbrauen hochgezogen, Schultern schief vorgebeugt. Die Luft saugt er hörbar durch die Mundwinkel ein.

"Wo tut's denn weh?" möchte ich ihn fragen und nehme seine Hand, die er für einen Moment in meiner ablegt. Er hat ganz gräßliche Rückenschmerzen und wäre heute morgen viel lieber sofort nach München zu seinem Lieblingsarzt geflogen. Hilfesuchend sieht er sich nach seiner Frau um. Die entfleucht mit kurzem Gruß auf der Stelle.

Hinter ihm liegt Beethoven und vor ihm auch. Beide gehen sie nun mit ihrem Sonaten-Zyklus in die letzte Tournee-Phase: der Interpret und sein Komponist am 5. Juni in Düsseldorf, 7. Juni Hamburg, 17. Juni Stuttgart. Zum erstenmal reiste Alfred Brendel 1982/83, mit sämtlichen 32 Beethoven-Sonaten im Programm, in den Zyklus-Etappen immer wiederkehrend, in elf Städte Europas und Amerikas. Zuverlässig zog er seine Kreise, zuverlässig bildeten sich Brendel-Beethoven-Gemeinden. Vor drei Jahren startete er die Zyklen noch einmal, die nun zum Ende kommen.

Für Brendel ist es ein endgültiger Abschied von op. 106, von "Appassionato e con molto sentimento" und der "Fuga a tre voci", nämlich von der großen Hammerklavier-Sonate. "Mein Körper stellt sich mir in den Weg." Nächstes Jahr wird er 65. "Alle Pianisten haben's im Rücken. Sie mögen bloß nicht drüber reden." Für ihn ist es "eine Genugtuung", daß beim jüngst vergangenen Konzert in Wien op. 106 live mitgeschnitten wurde. Das Publikum, "das ja oft viel Krach macht", saß an diesem Abend wundersamerweise still versunken vor der eindringlich verwobenen Klangkonstruktion, die nicht allein Kopf und Herz, sondern auch Sehnen und Bandscheiben viel abverlangt.

Ob bei einer Komposition oder bei einem Konzert, "der Anfang, der erste Eindruck ist so wichtig", sagt der Pianist Alfred Brendel. "Gehe ich raus, konzentriere ich mich auf den Beginn des Abends." Der erste Ton oder Akkord, der angeschlagen wird und aufklingt, ist das erste Erlebnis von Unwiederholbarem, die erste Trennung und Hingabe, die alles Folgende möglich macht. "Bei einer Beethoven-Sonate entscheidet sich das Ganze schon im ersten Takt."

Wie werden wir denn nun anfangen? "Wo?" fragt er und knetet seine Finger. Im Arbeitszimmer. Dort stehen zwei schwarz funkelnde Flügel dicht nebeneinander, die Tasten entblößt. Als könnte er mit sich an zwei Klavieren vierhändig spielen. Hier, vor Bösendorfer und Steinway, weiß ich, wie es anfängt. Wie es immer bei ihm anfängt: Zuerst die Pflaster für die Fingerkuppen.

"Warum machen Sie es?" Ein rascher Blick aus graublauen Augen durch schwere, stark geschliffene Brillengläser: Es geht um etwas Intimes. Das ist spürbar. "Nur die ersten drei." Er hebt Daumen, Zeige- und Mittelfinger beider Hände mir entgegen. Wozu? "Gewisse Griffe spiele ich mit den Fingernägeln. Und dann splittern sie. Das tut weh." Er schwört auf Hansaplast. "Stoffähnlich muß es sein. Er sei "immer in Sorge, daß es mal nicht mehr hergestellt" werde.