Eine weltweite Verfolgungsjagd mit hohem Unterhaltungswert ist zu Ende, der Königsteiner Großpleitier Jürgen Schneider sitzt in Florida hinter Gittern. Mit der Festnahme des Unternehmers, der sich nach dem spektakulären Zusammenbruch seiner Immobiliengruppe klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte, ist der Fall aber noch lange nicht erledigt. Die Aufarbeitung der Affäre wird nicht nur die Justiz und die Konkursverwalter noch geraume Zeit beschäftigen, sondern auch das deutsche Kreditgewerbe weiterhin in Atem halten.

Der Zufall wollte es, daß just am selben Tag, an dem Schneider verhaftet wurde, der Bundestag in Bonn über die Macht der Banken debattierte. Obwohl die leichtfertige Kreditvergabe an den hessischen Baulöwen und dessen vermutlich betrügerisches Geschäftsgebaren eher für eine gewisse Ohnmacht der Geldbranche sprechen, hängen beide Themen eng zusammen: Ohne das Schneider-Fiasko, das zusammen mit den Fällen Metallgesellschaft und Balsam/Procedo die Finanzwelt erschütterte, würde die öffentliche Diskussion über die Macht der Banken "vielleicht anders verlaufen", bedauert ein Vertreter des Kreditgewerbes und meint damit natürlich: weniger heftig.

Tatsächlich haben die genannten Fälle das ohnehin angekratzte Image der Geldbranche noch weiter beschädigt. Dies gilt vor allem für das Debakel mit Schneider. Als offenkundig war, wie leicht der Immobilienunternehmer gestandene Banker über den Tisch ziehen konnte, mußte das Gewerbe nicht nur Hohn und Spott über sich ergehen lassen, sondern - schlimmer noch - erleben, daß seine fachliche Kompetenz in Zweifel gezogen wurde. Da nutzte auch der Verweis auf betrügerische Manipulationen nicht, gegen die niemand gefeit sei. Hilmar Kopper, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, des größten Schneider-Finanziers, hält denn auch den durch die Affäre entstandenen Verlust an Ansehen für größer als den finanziellen Schaden. Als sei das nicht genug, konnte es sich allerdings ausgerechnet Kopper nicht verkneifen, offene Handwerkerrechnungen über fünfzig Millionen Mark öffentlich leichthin als Peanuts abzutun. Seitdem lebt er mit dem zweifelhaften Vergnügen, das Unwort des vergangenen Jahres geprägt zu haben.

Die Branche muß nun befürchten, daß noch zusätzlich Salz in ihre offenen Wunden gestreut wird. Denn falls die Vereinigten Staaten Schneider ausliefern und die deutsche Justiz ihn dann, wie absehbar, wegen Betrugs anklagt, geht das Spektakel erst richtig los: Die Verteidigung dürfte das Verfahren zu dem Versuch nutzen, den Spieß herumzudrehen und den Banken den Prozeß zu machen. Einen Vorgeschmack lieferte Schneider mit der in der vergangenen Woche vom ZDF ausgestrahlten Tonbandaufnahme, in der er sich dreist als verfolgte Unschuld und die Deutsche Bank als wahren Übeltäter portraitierte. Gegen die Taktik, in dem Prozeß das Kreditgewerbe publikumswirksam an den Pranger zu stellen, werden sich die Geldmanager kaum wehren können, zumal Richter öffentliche Kommentare von Beteiligten zu einem laufenden Verfahren nicht gerne hören. Schneider hingegen wird sich an diese Regel wohl kaum gebunden fühlen.

Die Deutsche Bank hat Schneiders Bandaussagen als "bemerkenswerte Frechheit" bezeichnet. Die Rolle des Unschuldslamms nimmt ihm ohnehin keiner mehr ab. Denn daß der Herr Doktor, wie er sich gerne anreden ließ, mit üblen Tricks arbeitete, ist seit langem aktenkundig. Vor allem Handwerkern spielte er übel mit, indem er Rechnungen gar nicht oder nur zögerlich beglich. Ende 1991 warf ihm das Frankfurter Landgericht deswegen vor, ein "betrügerisches System" zu betreiben und "skrupellos rechtlich unerfahrene Auftragnehmer zu übervorteilen".

Zu dieser Zeit wurde Schneider freilich noch als einer der erfolgreichsten Immobilienunternehmer der Republik gefeiert. Mit dem Verkauf des Frankfurter Fürstenhofes für 450 Millionen Mark an einen japanischen Investor hatte er gerade sein Meisterstück abgeliefert, das ihn schlagartig berühmt machte. Denn fünf Jahre zuvor hatte er das Gebäude für lediglich 50 Millionen Mark erworben und damit, trotz hoher Renovierungskosten, einen beachtlichen Profit erwirtschaftet. Inzwischen ist zwar fraglich, ob nicht auch diese Zahlen schon getürkt waren - doch der Coup öffnete ihm auch die Türen solcher Banken, die noch an seiner Seriosität gezweifelt haben mochten. Binnen kurzem erwarb er weitere traditionsreiche Edelimmobilien in Innenstädten wie etwa das Palais Bernheimer in München, das Fahning-Haus in Hamburg oder die Mädler-Passage in Leipzig. Schneiders Strickmuster sah vor, die Häuser aufwendig zu renovieren und teuer zu vermieten. Er wolle etwas "Zeitgemäßes und nachhaltig Wertvolles gestalten", ließ er Ende 1993 die Frankfurter Allgemeine Zeitung wissen.

Doch seine Beteuerung, die Objekte seien alle rentabel und er habe den "spitzen Bleistift" immer dabei, war schon damals gelogen. Denn wie nach dem Zusammenbruch seiner Unternehmensgruppe offenkundig wurde, hatte Schneider ein riesiges Potemkinsches Dorf errichtet und damit die Banken reingelegt. Für Konkursverwalter Gerhard Walter kam der Zusammenbruch zwangsläufig, denn Schneider habe "zu teuer eingekauft, zu teuer gebaut und zu teuer verwaltet". Während er zuletzt jährlich knapp 200 Millionen Mark für Gehälter und 400 Millionen Mark für Zinsen bezahlen mußte, flossen an Mieten lediglich magere 28 Millionen Mark ein. Schneider gelang es aber, mit einem Schneeballsystem seine desolate Finanzlage zu kaschieren. Die Krise habe schon vor Jahren begonnen und "konnte nur dadurch verdeckt werden, daß immer neue Kredite aufgenommen wurden, um die Verlustlöcher zu stopfen", hat Walter schnell erkannt.