Daß Dinge erst dann auffallen, wenn sie fehlen, ist eine reichlich abgestandene Weisheit des Alltags. Doch in der Neuropsychologie, einem recht jungen Forschungszweig, ist diese Weisheit zur Methode geworden. Sie führt zu einer Vielzahl frappierender Fallstudien über Ausfälle und Störungen der höheren Hirnfunktionen.

Sogenannte Seelenblinde können trotz intakter Augen Dinge in ihrem Gesichtsfeld nicht zusammenhängend erkennen. Bei einer besonders verblüffenden Form, der Simultanagnosie, können die Betroffenen nur einen von zwei Gegenständen gleichzeitig sehen; dennoch sind einige von ihnen in der Lage, beide Gegenstände mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit zu ergreifen. Eine Gruppe um Umberto Castiello von der Universität Bologna berichtet jetzt von einem Fall, der das Puzzle noch vergrößert, zugleich aber ein Hinweis auf die Lösung sein könnte.

Die italienischen Wissenschaftler untersuchten eine 66 Jahre alte Grundschullehrerin, die einen Hirnschaden im Hinterhaupt erlitten hatte. Die Probandin konnte von zwei Gegenständen, die man in ihrem zentralen Gesichtsfeld plazierte, jeweils nur einen erkennen. Mit den Zeigefingern der rechten und der linken Hand etwa deutete sie immer nur auf eine von zwei vorgelegten Bildkarten. Und nur eine der beiden Karten berührte sie zielsicher. Überraschenderweise konnte die Patientin diese Behinderung jedoch überwinden, wenn die gezeigten Motive eine semantische Verbindung hatten. Wenn die Bilder wie Apfel und Birne in eine gemeinsame Kategorie paßten, konnte sie die Karten zielsicher fassen und koordiniert aufeinander zu oder voneinander fort bewegen. Doch nach wie vor erkannte sie nur eine von beiden Karten. Der gleiche Effekt zeigte sich bei Dingen, die eine funktionale Verbindung miteinander haben, wie Messer und Gabel.

Der Fall der italienischen Lehrerin erhärtet die Vermutung, daß Sehen keineswegs ein einheitlicher Vorgang ist und ein großer Teil der visuell gesteuerten Handlungen schlicht an unserem Bewußtsein vorbeigehen. Außer dem neuronalen Weg, der zur bewußten Erkenntnis von Gegenständen führt, gibt es offenbar noch einen anderen Nervenpfad, der es uns ermöglicht, buchstäblich blind zu sehen und Dinge zu greifen, die wir nicht erkennen. Daß diese "neuronale Nebenstrecke" offenbar auch von der Bedeutung der Gegenstände abhängt, könnte klären, wie Wahrnehmung und Erkennen ineinanderverwoben sind.