ZDF, 15., 17. und 20. Mai:

"Die Staatsanwältin"

In fast jedem Krimi gibt es einen Wendepunkt, an dem der Zuschauer aus der Unterwelt des Geheimnisses und der Gewalt in die lichte Zone der Ratio und des Gesetzes zurückgeführt wird: Das ist der Augenblick, in dem die Polizei vorfährt. Manchmal kommt sie mit Blaulicht und im Konvoi, manchmal auch rollt nur ein unscheinbares Fahrzeug an, dem ein zerknitterter Kommissar entsteigt. Immer aber weiß der Zuschauer: Jetzt geht die Regie an die Aufklärung über.

Jetzt wird ermittelt, entdeckt und schließlich verhaftet, die Sühne ist nur eine Frage der Zeit. Und die Gewißheit, daß dem Bösen nunmehr ein zur Ahndung entschlossener Gegner und Bezwinger erstanden ist, weckt in der Brust des Zuschauers, der schon das Opfer hat leiden und sterben sehen, tiefe Befriedigung. Der Augenblick, in dem die Polizei vorfährt, ist wahrscheinlich der schönste im Krimi. Denn ab jetzt hat das Gute einen Anwalt, die Unschuld einen Schutzschild - und der Film ist noch lange nicht zu Ende.

Auf diese Vorweg-Katharsis verzichtete der von Marlies Ewald und Peter Probst geschriebene, von Thomas Jacob inszenierte Krimi-Dreiteiler "Die Staatsanwältin" ganz und gar. Zwar fuhr die Polizei mehrmals vor, aber sie ordnete dabei die Welt nicht in die beiden klassischen Parteien: die Bösewichter und ihre Verfolger, sie schuf keine Eindeutigkeit und so auch keine Übersicht und Sicherheit. In der "Staatsanwältin" sind Unterwelt und Aufklärung vermischt und verschwägert; das prominenteste Opfer ist ein Richter, also ein Würdenträger aus dem Reich des Gesetzes, der selbst in dunkle Geschäfte verwickelt war.

Die Staatsanwältin, seine Witwe, hat ihren Gatten idealisiert und verkannt - sie, eine kluge, respektierte Anklägerin, hat nicht gemerkt, daß der Mann an ihrer Seite kriminell war. Aber während sie nur falsch wahrnimmt, zieht ihr Vater, ein Landgerichtspräsident a. D., plötzlich eine Waffe. Und was ist mit dem Hauptkommissar? Ist er so eifrig, weil er den Fall lösen will oder weil er in die Staatsanwältin verliebt ist?

Während sich in wohldefinierten Genres ein Verstoß gegen die Regeln meistens rächt und dem Film schadet, hat die "Staatsanwältin" aus der Grauzone, die sie statt des üblichen Kontrasts von Licht und Schatten anbot, satten Gewinn gezogen. Der Krimi war von der ersten bis zur letzten Einstellung spannend, obwohl ja arg lang, aber er erzählte seine Geschichte mit jener ruhigen Bestimmtheit, die wie das Eigengewicht eines Motors Voraussetzung für Tempo ist. Am Schluß brachte der Gangster, ein As im internationalen Atomschmuggel - Komplize: "Das ist ja Wahnsinn!", Gangster: "Nein, Plutonium" -, sein Leben der Gerechtigkeit zum Opfer.