Studenten studieren auch. Schließlich müssen sie von etwas leben, und der Scheck von zu Hause deckt die Kosten oft sowenig wie das Bafög. Wer freilich zwischen Studium und Jobben der ökonomischen Vernunft gehorcht, gilt rasch als Bummelstudent. Ein bißchen schnellere, ernstere, ordentlichere Studenten wünscht sich der Stammtisch der Nation. Und der steht gelegentlich im Zentrum der Macht, wie jetzt der Ruf der Bonner Regierung nach einer Leistungskontrolle bereits nach dem zweiten Semester belegt.

Denn was würde diese Kontrolle eigentlich ändern? Klausuren und Scheine müssen die Studenten aller Fachrichtungen spätestens bei den üblichen Zwischenprüfungen nach dem vierten oder fünften Semester vorweisen. Noch frühere Disziplin im Studium wird den Irrtum, im falschen Fach gestrandet zu sein, auch nicht ausschließen können, aber die eher viel zu seltene Neugier auf das Unbekannte, die Lust auf die Abenteuer des Denkens noch mehr blockieren. Wenn Bildungsminister Jürgen Rüttgers zudem die gewünschte Leistungskontrolle mit dem Berliner Versuch illustriert, wo inzwischen das Überdehnen der Regelstudienzeit schriftlich begründet werden soll, dann verwechselt er schlicht Anfangs- und Endprobleme des Studiums und sucht offenkundig die Schuld allein beim Studenten. Als kennten die Bildungspolitiker nicht die tieferen Gründe, die aus deutschen Examenskandidaten die ältesten der westlichen Gesellschaften machen: Eine vergleichsweise späte Einschulung und ein 13. Schuljahr lassen diese Studenten erst in vorgerücktem Alter beginnen. Die Mängel der Lehre und der Mangel an Lehrenden halten sie dann länger als nötig an den Universitäten; am ersten Mißstand sind die verkarsteten Hochschulen schuld, am zweiten die Finanz- und Bildungspolitiker, die sich um eine echte Hochschulreform ängstlich herummogeln. Aber was zählt schon der Balken im eigenen Auge, wenn sich mit dem Splitter im Studentenauge trefflich Stimmung machen läßt?