Man las und staunte: Forsch habe der Ost-PEN die Vereinigung der beiden deutschen PENs verlangt. Dann aber, vor der Jahrestagung des West-PENs, hätten die Ossis gekniffen. Iris Radisch wußte, warum: weil "die Ost-PEN-Brüder . . . zur Teilnahme an den Diskussionen in Mainz . . . nicht die Courage haben".

Welche Diskussionen? Das Einheitsthema sollte ja nicht mal auf die Mainzer Tagungsordnung finden; darum und erst dann sagten die Ostler ab. Kleine Retrospektive: Seit Deutschland eins ward, wenngleich nicht einig, werden die PENs gefragt, wann endlich auch sie in den heiligen Stand der Ehe zu treten gedächten. Erst witterte man die Heiratsmuffel im Osten, wo bekanntlich die Staatsdichter ihr Leseland DDR beweinen. Als dann von Ostberlin gen Darmstadt zartes Buhlen ging, erhoben sich im Westen Stürme der Entrüstung. Der West-PEN schien ein publizistisches Aktiv exilierter DDR-Insassen (Günter Kunert, Sarah Kirsch, Jürgen Fuchs und andere). Sie schrieben variiert immer dasselbe: Der Ost-PEN sei im Kern der PEN der DDR, ehedem ein willfähriges Instrument der Diktatur, nun aufgestockt um ein paar saubere Frischlinge, die sich quasi "in Geiselhaft" der Alten befänden, wie Kunert erkannte.

Darüber haben sich viele Geiseln geärgert. Kaum je erwähnt wird der dramatische personelle Wandel an Haupt und Gliedern des Ost-PEN. Aber Kunert oder Herta Müller sind begreiflich, wenn man will. Nicht entfernt entsprach der DDR-PEN dem von Iris Radisch zitierten Artikel 4 der Internationalen PEN-Charta, der eine "freie Kritik gegenüber Regierungen, Verwaltungen, Einrichtungen gebieterisch verlangt". Was der DDR-PEN war, hat ein unverdächtiger Zeuge, Joachim Seyppel, am 3. August 1981 in der Welt geschrieben: "Er ist die einzige Organisation auf internationaler Ebene, was Literatur betrifft, die nicht völlig von Staat oder Partei dominiert wird, die tatsächlich unabhängig oder nur indirekt beeinflußbar ist."

Die Frage ist doch gar nicht, ob der DDR-PEN sauber war; er war es keineswegs. Die Frage ist, ob Schriftstellervereinigungen in Diktaturen sinnvoll sind. Ich achte und ehre die beizeitige Erkenntnis der fortgeekelten DDR-Autoren. Nicht verstehe ich, wie Günter Kunert und Sarah Kirsch, immerhin einst SED-Genossen, ihre Lebensjahrzehnte gläubiger Mitarbeit am Staatssozialismus verdrängen. Was zwang sie zur Mitgliedschaft im DDR-PEN? fragte unlängst Brigitte Struzyk aus dem Ost-PEN-Präsidium. Das Havemann-Syndrom: Immer verstellen die berühmten Dissidenten den Blick auf jene, die nie ein Verständnis hegten für die Diktatur des Proletariats.

Der blinde Fleck der SED, hat Sebastian Kleinschmidt im Ost-PEN gesagt, war der Nazi-Widerstand. Mit diesem moralischen Pfund hatten die DDR-Kommunisten auf ewig die (Selbst-)Gerechtigkeit gepachtet. Humanität hieß Klassenmoral - eine Perversion der Einzelmenschenwürde, die der Autor, wie ich ihn begreife, repräsentieren und schützen soll, denn er selber kann und darf nur einzeln sprechen. Nur war das nicht die Wahrheit Marke DDR, anhand derer die Bundesrepublik ihr polemisches Selbstbildnis entwarf. Der West-PEN aber in seiner grenzenlos autonomen Koexistenz naschte gern mal ein Schüsselchen linker Romantik von drüben. Auch das ist Geschichte und darum nicht vorbei.

Man kann die deutsche Einheit nicht durch Trennung der PENs revidieren. So wichtig sind wir nicht. Wer liest denn noch? Wer hört unser egozentrisches Gezänk? Der PEN ist ein Profanum, ein Club. Er schreibt, erlaubt und verkauft niemandes Bücher. Er bildet nicht den einzigen Raum, wo deutsche Autoren einander treffen können. Schon gar nicht steht, wie Iris Radisch panisch suggeriert, das brüderliche Vergessen auf der Agenda. Übrigens, für die PEN-Einheit sind im Osten vornehmlich wir jüngeren, "schuldlosen" Autoren. An Geschichtschirurgie haben wir keinerlei Interesse. Wer dem Ost-PEN angehört, will sich dem DDR-Teil deutscher Geschichte als Zeuge verpflichten. Das ist oft ehrlich und nicht immer leicht. Man lernt was über den Menschen als Retter seiner Biographie.

Wenn die PEN-Vereinigung Massenaustritte brächte, möge sie vorerst unterbleiben. Aber maßen wir uns, Ost wie West, keine Eitelkeit des Streites an. Iris Radisch ruft nach "Krieg". Überhören wir das?