Das Verwirrspiel hält schon seit Wochen an. Deutsche und amerikanische Friedensforscher sowie FDP-Politiker sind für die Idee. Die hessische Landesregierung und Ökologen sind dagegen. Es geht um den Plan, das aus der Abrüstung russischer Atomsprengköpfe herrührende Plutonium in der nagelneuen Hochsicherheitsanlage in Hanau so zu bearbeiten, daß es anschließend in zivilen Reaktoren unschädlich gemacht werden kann.

"Dann würde Hanau ein zweites Wackersdorf", prophezeit Norbert Mook. Und Mook ist nicht etwa Atomgegner, sondern Betriebsratsvorsitzender des Brennelementewerks der Firma Siemens in Hanau. Während der Arbeitnehmervertreter turbulente Zeiten ahnt, hält sich das Unternehmen Siemens selbst bislang bedeckt.

Zwei Meter dicke Stahlbetonwände umschließen die am besten gesicherte Fabrik der Republik. So soll der Umgang mit Plutonium - dem gefährlichsten Pulver der Welt - gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben abgeschirmt werden. Über eine Milliarde Mark steckt in dem Riesenbunker auf dem Gelände der Hanauer Atombetriebe, investiert von Siemens und den deutschen Elektrizitätsunternehmen (EVU). Die Anlage soll das bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente aus deutschen Reaktoren separierte Plutonium weiter zu Mox-Brennstäben verarbeiten. Mox bedeutet Mischoxid und besteht aus etwa vier Prozent Plutonium und 96 Prozent Uran.

Doch mittlerweile sind die Elektrizitätsversorger nicht mehr sonderlich am Mox-Weg interessiert. Er ist nämlich teurer als der Einsatz neuer Uran-Brennelemente mit anschließender langfristiger Zwischenlagerung. Ein Endlager wird für beide Wege benötigt. Die ersten Verträge mit britischen Wiederaufbereitern wurden bereits gekündigt. So zeichnet sich ab, daß demnächst immer weniger separiertes Plutonium anfallen wird. Die teure Mox-Fabrik wird nicht mehr gebraucht.

Die Kraftwerksbetreiber hatten die Zukunft der Anlage mit dem Wahlausgang in Hessen verknüpft. Sollte dort nach dem Wahltag im vergangenen Februar weiterhin Rot-Grün regieren, wollten sie Hanau aufgeben. Der ökonomische Hintergrund: Ist die Anlage erst einmal durch das Supergift Plutonium "verschmutzt", drohen Beseitigungskosten von einer Milliarde Mark.

Im Februar bestätigten die Wähler die rot-grüne Regierung in Wiesbaden, und kaum jemand glaubte noch an eine Inbetriebnahme des High- Tech-Bunkers. Doch es sollte anders kommen: Der Bombenstoffschmuggel aus russischen Militäranlagen ließ die deutschen Plutoniumspezialisten als Retter erscheinen. Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt beschäftigt sich schon lange mit den Abzweigungsgefahren aus Atomanlagen. Ende April erklärte die HSFK-Mitarbeiterin Annette Schaper in einem Zeitungsinterview, die "schnellste Lösung", die rund 120 Tonnen überschüssigen russischen Waffenplutoniums unschädlich zu machen, sei die Verarbeitung zu Mox in Hanau.

Eine Lobby-Truppe der Belegschaft mit dem Namen SOS Mox machte mobil. "Als dann auch die Friedensforschung das als Möglichkeit ansah", erinnert sich Betriebsrat Mook, "haben wir wieder eine Chance gesehen." Die Hanau-Arbeitnehmerlobby fand Unterstützung beim hessischen Bundestagsabgeordneten und FDP-Fraktionsvorsitzenden Hermann Otto Solms. Zudem hatte sein Parteikollege und Außenminister Klaus Kinkel gerade mit einer Million Mark eine Studie zur Verarbeitung russischen Waffenplutoniums gefördert. Die noch vertrauliche Expertise ist eine Gemeinschaftsarbeit der bundeseigenen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), der Siemens AG und des russischen Atomministeriums (Min-Atom).