Wenn Minister wechseln, dann werden Spitzenbeamte bekanntlich unruhig. Aber seit Alain Madelin vergangene Woche in sein neues Büro im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium einzog, herrscht in den oberen Etagen des gigantischen Baus an der Seine nicht nur Unruhe, sondern geradezu helle Aufregung.

Der 49jährige Politiker der rechtsliberalen Parti Republicain (PR) ist ein Querdenker - sogar ein gefährlicher, wie manche meinen. Und er dürfte in der Festung des französischen Staatskapitalismus für einige Umbauten sorgen, die auch vor den Fundamenten nicht haltmachen.

Schon Madelins Werdegang ist alles andere als typisch französisch: Er ist kein Absolvent der Eliteschule Ecole Nationale d'Administration (Ena), sondern gelernter Jurist. Und er schrieb sich nicht sofort bei einer der etablierten Parteien ein, sondern bei der extrem rechten Organisation Occident.

Dieser Jugendsünde entsagte Madelin zwar schnell wieder, aber seinen Extremismus behielt er. Er übernahm 1986 für zwei Jahre das Industrieministerium und gilt mittlerweile als "Ultraliberaler". Ob Telekommunikation, Eisenbahn oder Energie - überall soll nach seiner Meinung der Staat dem Markt Platz machen.

Im Wahlkampf um den Platz im Elysée-Palast unterstützte er Jacques Chirac - und nicht Edouard Balladur, dessen Mittelstandsminister er war. Ein großer Teil des Wirtschaftsprogramms des neuen Staatspräsidenten stammt aus Madelins Feder. Er war es, der Chirac etwa dazu ermutigte, während des Wahlkampfs Front gegen die "übermächtige Technostruktur" der französischen Ena-Führungseliten zu machen. Er dürfte jetzt auch versuchen, deren Machtzentrale zu zerschlagen: den Trésor, das einflußreiche Schatzamt im Wirtschaftsministerium.

Madelin war zudem einer der wenigen, welche die Politik des franc fort, des starken Franc, in Frage stellte. Ende 1992 rief er dazu auf, den Franc von der Mark abzukoppeln: "Das System der Parität Franc - Mark ist unhaltbar. Es wird deswegen nicht gehalten werden können." Heute stellt sich für ihn diese Frage freilich so nicht mehr. Chirac hat sich bei seinem Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl vergangene Woche in Straßburg bereits darauf festgelegt, vorerst nichts an der französischen Währungspolitik zu ändern.

In den kommenden Monaten dürfte Madelin genug damit zu tun haben, die wirtschaftspolitischen Vorgaben Chiracs umzusetzen: die Milliardendefizite im Staatshaushalt und vor allem in den Sozialversicherungen zu reduzieren - ohne dabei die Beschäftigung zu gefährden.