Daran hätte Ibragim Dschangulow doch denken können, als er sich am 3. Januar in einen Güterzug schlich: daß man seinen Wehrpaß nicht in kleine Schnipsel zerreißt und in die Waggonritzen stopft. So ein Dokument behält man als Beweisstück bei sich, wenn man desertiert. Und den Freund, der einen versteckt und einem zur Flucht über die Grenze verhilft, den bittet man um eine eidesstattliche Versicherung seiner Komplizenschaft. Ibragim Dschangulow hat viele Fehler gemacht aus Sicht deutscher Behörden. Der 25jährige Leutnant tschetschenischer Herkunft ist aus der russischen Armee desertiert. Jetzt sucht er Asyl in Deutschland und droht damit zu scheitern.

Deserteur Dschangulow ist kein Pazifist. Er ist Berufssoldat und Absolvent der Militärhochschule. Sein Leben hatte er sich als Offizier vorgestellt, "in schicker Uniform, mit Schulterklappen und allem drum und dran". Doch als seine Einheit Ende Dezember in die Grenzregion zu Tschetschenien verlegt wurde, geriet er in Gewissenskonflikt. In Stawropol sollte er einen Flughafen umrüsten: Von hier aus sollten Luftangriffe auf Grosnyj, seine Heimatstadt, geflogen werden. Auf dem Weg nach Stawropol gingen die Gedanken im Kreis: "O Gott, was tust du nur. Du bist Soldat, aber doch nicht, um gegen dein eigenes Volk zu kämpfen." Einen kurzen Halt auf einem Bahnhof nutzte Dschangulow, sich in einem Güterwaggon auf dem Nachbargleis zu verstecken. Fünfzig US-Dollar für einen bestechlichen Schaffner und der Paß eines Jugendfreundes verhalfen zur Flucht nach Deutschland.

Eine kurze Routineanhörung beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge - und das Asylgesuch war abgelehnt. Mit dem vernichtendsten aller Stempel, die das Asylgesetz erlaubt: "Offensichtlich unbegründet". Dschangulow, an militärisch knappe Antworten gewöhnt, habe nicht "durch lebensnahen, detaillierten und ausführlichen Sachvortrag" überzeugt. Innerhalb einer Woche habe er die Bundesrepublik zu verlassen. Andernfalls werde er abgeschoben.

Ohne Dschangulow ein einziges Mal anzuhören, bestätigte das Verwaltungsgericht Hildesheim im Februar die Entscheidung des Bundesamtes: Die Ablehnung des Asylgesuchs dieses Mannes, "der angibt", Ibragim Dschangulow zu sein, und der "behauptet", tschetschenischer Volkszugehörigkeit zu sein, dränge sich "geradezu auf", befand das Gericht. Selbst wenn der junge Mann tatsächlich desertiert sei, gebe es "keinen substantiierten Anhaltspunkt" dafür, daß ihm bei seiner Rückkehr politische Verfolgung drohe.

Dschangulow ist sicher, daß ihn in Rußland die Todesstrafe erwartet, so hat man es ihm an der Militärhochschule eingebleut. Auch das Auswärtige Amt und amnesty international bestätigen, daß Offizieren bei einer Desertion im Kriegsfall drakonische Sanktionen bis hin zur Todesstrafe drohen. Für die Hildesheimer Verwaltungsrichter Erkenntnisse ohne Relevanz: "Die Bedrohung des Deserteurs im Kriegsfall mit der Todesstrafe stellt ebenfalls keine politische Verfolgung dar." Mit der Todesstrafe würden in Rußland schließlich "auch andere Kapitalverbrechen wie z.B. Mord" bestraft. Ohne die Hilfe der Flüchtlingsberatungsstelle des Diakonischen Werks wäre Dschangulow längst abgeschoben worden. Doch die Berater schenkten ihm nach zahlreichen Gesprächen Glauben und sicherten über Spenden und Kirchenkollekten auch eine anwaltliche Vertretung durch einen der versiertesten Asylrechtsexperten. Die Entscheidung über Dschangulows Schicksal ist zum Präzedenzfall dafür geworden, wie revisionsbedürftig die gängige Rechtsprechung ist, die Deserteuren bisher nur in Ausnahmefällen politisches Asyl zugesteht. Der Anwalt setzte durch, daß die Hildesheimer Richter den jungen Tschetschenen persönlich anhören mußten, was am Mittwoch vergangener Woche auch geschah.

Für seine Entscheidung hat sich das Gericht nun Bedenkzeit erbeten. Die Sache, vor zwei Monaten noch als ohne "besondere Schwierigkeiten tatsächlicher und rechtlicher Art" betitelt, sei zu kompliziert. Man habe als Baukammer meist nicht mit Asylangelegenheiten, sondern mit Landschaftsschutz zu tun. Und nur selten gibt es zwischen beiden Sujets einmal eine Verbindung, so wie vor zwei Jahren. Da hat dieselbe Kammer folgendes entschieden: Die "besonderen Immissionen", die von einer Flüchtlingsunterkunft ausgingen, seien den benachbarten Anwohnern "nicht ohne weiteres zumutbar".