Wenn es um ihre Eigenständigkeit geht, sind die Luxemburger konsequent. So haben sie den heimischen Dialekt zur Landessprache erhoben, leisten sich ein Miniheer und stehen geschlossen hinter ihrem Großherzog. Beim Geld dagegen denken sie alles andere als national. Da haben sie sich schon lange in die Abhängigkeit vom belgischen Nachbarn begeben und aus freien Stücken auf eine eigene Geld- und Währungspolitik verzichtet. Die macht für sie die Belgische Nationalbank - und alle sind damit zufrieden. Seit 1922 existiert die Belgisch-Luxemburgische Währungsunion, anfangs auf zwei knappe Paragraphen im Vertrag über eine bilaterale Wirtschaftsunion beschränkt, seitdem ausgebaut und alle zehn Jahre erneuert.

Der Kern dieses Abkommens: Das Geld des Nachbarlandes ist als Zahlungsmittel anerkannt, die Parität zwischen beiden Währungen ist praktisch unverrückbar im Verhältnis eins zu eins festgeschrieben. Also eine Art Probelauf für die Europäische Währungsunion?

Bei genauerem Hinsehen erkennt man schnell, daß das monetäre Bündnis zwischen den Nachbarn kaum als Vorbild für die Verwirklichung der Maastrichter Ambitionen taugt: Die Grundlage ist zu einseitig. Ein praktisches Beispiel sind die umlaufenden Münzen und Geldscheine. Der belgische Franc gilt zwar im vollem Umfang als Zahlungsmittel in benachbarten Großherzogtum. Die Luxemburger haben sogar darauf verzichtet, Geldscheine von 500 und 5000 Franc zu drucken und "importieren" statt dessen die Noten aus Belgien. Doch der Luxemburger Franc ist kein amtliches Zahlungsmittel in Belgien - immerhin werden dort die luxemburgischen Münzen akzeptiert.

Auch politisch gibt Belgien in der Union den Ton an. Es schreibt den Luxemburgern vor, wieviel eigenes Geld sie emittieren dürfen. Sogar die Zinssätze werden weitgehend in Brüssel fixiert. Mehr noch, Luxemburgs Zentralbank, das Institut Monétaire Luxembourgois (IML), wurde erst 1983 geschaffen, um den monetären Beziehungen zum Nachbarn wenigstens einen Hauch von Autonomie zu geben. Doch einen Minderwertigkeitskomplex haben die Luxemburger deswegen nicht. Genausowenig wie sie die Tatsache zu stören scheint, daß sie über keinerlei Währungsreserven verfügen. "Wir sind ein winziges Land", erklärt Pierre Jaans, Generaldirektor des IML, und da müsse man sich eben an einen größeren Partner anlehnen.

Genau das tun die Luxemburger - zu ihrem großen Nutzen. Dazu trägt auch die Beteiligung des Großherzogtums am Gewinn der belgischen Zentralbank bei. Sogar dem obersten Währungshüter Jaans scheint das "wirtschaftlich durchaus interessant". Normalerweise braucht ein Land die Geld- und Währungspolitik auch, um über die Variation der Zinssätze - und eventuell der Wechselkurse - die Konjunktur zu steuern. Ein solches Instrumentarium hat Luxemburg nicht zur Verfügung, aber auch das stört Bankenchef Jaans wenig: "Alle europäischen Währungen sind doch mittlerweile Zinsanpasser und folgen den Entscheidungen der Bundesbank." Das tut in der Tat auch die Belgische Nationalbank - meist noch am gleichen Tag wie die Bundesbank-Kollegen.

Erstaunlich bleibt dennoch, daß die Parität zwischen belgischem und luxemburgischem Franc seit fast ewigen Zeiten unverändert geblieben ist. Denn nach der gängigen Auffassung kann eine Währungsunion nur funktionieren, wenn die ökonomischen Grunddaten der beteiligten Länder übereinstimmen - und danach müßte die bilaterale Union eigentlich längst zerbrochen sein. Inflations- und Wachstumsraten laufen zwar weitgehend parallel, aber die Arbeitslosenquote ist in Belgien mit über zehn Prozent fünfmal höher als in Luxemburg. Dazu kommt ein äußerst unterschiedliches Verständnis von finanzpolitischer Disziplin. Der belgische Staat schlägt mit 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (1994) alle europäischen Schuldenrekorde; in Luxemburg dagegen sind es höchst bescheidene 9,2 Prozent. Ähnlich ungleich ist das Bild bei der Neuverschuldung: Belgien leistete sich im vergangenen Jahr ein staatliches Finanzierungsdefizit von 5,5 Prozent des BIP, Luxemburg konnte einen Überschuß von 1,3 Prozent ausweisen. Mit anderen Worten: Belgiens Staatsfinanzen sind weitaus unsolider als die luxemburgischen, und während Luxemburg keine Probleme mit der Erfüllung der Maastricht-Kriterien hat, liegen sie für Belgien außer Reichweite.

Trotz solcher Ungleichgewichte gab es in der Geschichte der Union nur einen Ausreißer: 1935 wertete die belgische Regierung ihren Franc einseitig um 28 Prozent ab, und der damalige luxemburgische Finanzminister Pierre Dupong fürchtete Folgen "allerschwerster Art" für sein Land. Widerwillig wertete das Großherzogtum um 10 Prozent ab, und der luxemburgische Franc war von da an 1,25 belgische Franc wert. Erst im Sommer 1944 wurde die alte Parität eins zu eins wieder eingerichtet.