In der Äffäre um Rolf Hochhuth und das Berliner Ensemble (BE) üben sich derzeit alle Parteien in hektisch angestrengtem Warten. Vor drei Wochen hatte sie mit dem Paukenschlag einer Enthüllung begonnen (ZEIT Nr. 19/1995). Der Dramatiker Hochhuth will als Gründer der Ilse-Holzapfel-Stiftung Brechts altes Theater am Schiffbauerdamm in seinen Besitz bringen und dort das Andenken der aus Berlin vertriebenen Juden ebenso ehren wie das eigene Auskommen sichern. In der Berliner Morgenpost hat er am Wochenende das gesamte Spektrum seiner Argumente wiederholt, solange sie ihm nicht unter Androhung gerichtlicher Schritte untersagt worden sind (wie die Behauptung, der BE-Geschäftsführer Sauerbaum habe einer Kooperation mit der Holzapfel-Stiftung "freudig" zugestimmt).

Rolf Hochhuth versteht nicht, wie überhaupt jemand gegen ihn sein kann, wo er doch für alle und sich nur das Beste will. Das jetzige BE-Direktorium nennt er eine "Crew", die "möglichst lange bleiben" solle. Schon in seinem ersten Gespräch habe er (offenbar ganz im Glauben, schon als Hausbesitzer auftreten zu können) den amtierenden Chefs "einen zehn- bis zwölfjährigen Mietvertrag angeboten".

Aber während Hochhuth sich großzügig gibt, steht für den Anwalt des Berliner Kultursenators, Peter Raue, noch nicht einmal fest, daß die Eigentümer des Gebäudes, die Hochhuth das Theater angeblich entweder verkaufen oder für viereinhalb Millionen Mark umsonst stiften wollen, überhaupt die rechtmäßigen Eigentümer sind.

Nach dem ersten Rennen dieser Theatertour de force hatte man Hochhuth schmunzelnd, aber auch bewundernd das gelbgescheckte Trikot geben müssen: der Narr als Etappensieger. Jetzt, in dem wirren Gang, den die Angelegenheit nimmt, bekommt sie zunehmend tragische Züge. Hochhuths Wunsch nach einem eigenen Theater ist stark und erweist sich zunehmend als Vater seiner Tatsachenbehauptungen.

Das Papier, das "bekunden" soll, daß die Erbengemeinschaft Saloschin ihre Ansprüche auf die Immobilie unentgeltlich in die Holzapfel-Stiftung einbringt, ist ein dreiseitiges, photokopiertes und von niemandem unterzeichnetes Typoskript. Die Verträge seien unter Dach und Fach, hatte Hochhuth im Spiegel geprahlt. Sie seien es nicht, mußte in der vergangenen Woche Wertheims Anwalt zugeben: Es gäbe noch "Sicherheiten zu erbringen". Seinem Mandanten hat er von jedem Kontakt mit der Presse dringend abgeraten.

Bereits vor knapp einem Jahr hatte Hochhuth schon mal via dpa bekanntgegeben, was er so gerne wahrgehabt hätte: Er würde bald mit städtischer Unterstützung im Konrad-Wolf-Saal ein Autorentheater eröffnen. Gestimmt hat es nicht. Die Berliner Kulturverwaltung will erst ein gesichertes Finanzierungskonzept sehen. Aber noch heute spricht Hochhuth vom Konrad-Wolf-Saal als von dem "mir für ein ,Theater der Autoren' zur Verfügung gestellten" Raum. Da er es doch so gerne möchte - warum kann es denn nicht wahr sein?

Inzwischen wird erzählt, daß Hochhuth seine Finger auch 1994 mit im Spiel gehabt habe, als die Erben Max Reinhardts das Deutsche Theater zurückgewinnen wollten. Berliner Theaterkünstler wollen sich plötzlich daran erinnern, Hochhuth schon vor Jahren an den Hintertüren aller Berliner Theater gleichzeitig kratzen gesehen und damals bloß ihren Augen nicht getraut zu haben.