LONDON. - Mich trifft jedesmal das unbehagliche Gefühl, an einem sorgfältig inszenierten Theaterspiel teilzunehmen, wenn ich meinen Platz bei einer deutschen Podiumsdiskussion einnehme. Vor mir stehen drei Mineralwasserflaschen: eine Vorleistung für die dursterregenden Weisheiten, die von mir erwartet werden. Die Themen heißen etwa "Was hält die moderne Gesellschaft zusammen?" oder "Deutschland: zu groß für Europa, zu klein für die Welt?", vielleicht auch "Leistungsgesellschaft: Zukunftsperspektive".

Meistens aber sind die Themenvorgaben für die nachfolgende Diskussion völlig irrelevant. Das Ergebnis ist immer das gleiche Introspektionsfest, bei dem die Teilnehmer zwei, drei Stunden lang aneinander vorbeireden.

Die Deutschen lieben ihre Podiumsgespräche sehr. Es hat sich sogar eine Art Podiums-Aristokratie entwickelt. Wie jede Elite, weiß sie auch ganz genau, was von ihr erwartet wird. Daniel Cohn-Bendit, der dazugehört wie der Baum zu Weihnachten, brüllt seine Statements ins Publikum hinein, als solle schon die Lautstärke beweisen, daß er von Herzen redet. Neben ihm weint Bärbel Bohley für Deutschland. Karl Fürst von Schwarzenberg formuliert seine Gedanken in seinem charmant-schwebenden Habsburgisch, geladen mit so vielen Nebensätzen, daß man etwas sehr, sehr kluges hinter seinen Worten zu ahnen glaubt, ohne daß je klar wird, was dies eigentlich ist.

Die Grundschwäche dieser Art Meinungsaustausch liegt in der Annahme, allein die Besetzung der Bühne mit Menschen verschiedener Meinungen garantiere eine rege Kontroverse. Der durchschnittliche Gast wiederum findet es ungeheuer interessant, womöglich doch einige Ideen mit seinem ideologischen Urfeind nebenan zu teilen.

All die rhetorischen Scharmützel münden zum Schluß in einer Orgie der Übereinstimmung. Alle haben sie recht. Es ist auch nicht schwer zu verstehen, warum die Diskussionsteilnehmer kommen. Schließlich werden sie hofiert und, nicht zuletzt, bezahlt. Außerdem hört man sich doch gerne selber reden. Was aber treibt das Publikum, das die Säle füllt - freiwillig, unbezahlt und (erstaunlicherweise) hellwach.

Meine Theorie ist, daß solche Diskussionsrunden für das säkulare Bürgertum den Kirchgang ersetzt haben. Die Gemeinde kommt in der vagen Erwartung, aufgeklärt zu werden. Falls aber die Predigt langweilig, undurchdringlich oder gar dumm ist, macht es nichts. Hauptsache man war dabei.

Sogar die Forderungen aus dem Publikum bleiben immer gleich.