Eigentlich haben Deutschlands Wirtschaftskriminelle wenig Grund zu flüchten. Auch wenn ihre Straftaten aufgedeckt werden, erwarten die Verbrecher im Maßanzug in der Regel vergleichsweise geringe Strafen. Und weil ihre Chancen, sich zu resozialisieren, gut stehen, sind sie auch nach einer Verurteilung meistens schnell wieder auf freiem Fuß. Trotzdem nahmen deutsche Unternehmer und Manager, denen die Justiz im Nacken saß, oftmals gerne Reißaus.

Noch ehe man ihm irgend etwas nachweisen konnte, machte sich Wolfgang Weber ins schöne Paraguay auf und läßt es sich seither auf seiner riesigen Farm gutgehen. Deutsche Staatsanwälte beschuldigen Weber des Betrugs an Aktionären und Banken. Der ehemalige Südmilch-Chef soll den Konzern ruiniert und Bilanzen manipuliert haben. Ob Weber jemals den Weg auf die harte deutsche Anklagebank antreten muß, ist allerdings fraglich. Zwar nahm die Polizei ihn vor kurzem fest, aber der Ermittlungsrichter ließ ihn gegen Kaution bald wieder frei. Weber auszuliefern, lehnte er ab - schon weil der Geschäftsmann seit 1993 im Genuß der paraguayischen Staatsbürgerschaft ist. Immerhin muß er weiter zittern: Der Generalstaatsanwalt bemüht nun die nächste Gerichtsinstanz, um den Südmilch-Mann doch noch seinen Richtern in der Heimat zu überantworten.

Ein anderer Verdächtiger beendete seine Flucht freiwillig: Bernd Otto, Exvorstandschef des Handelskonzerns co op, kehrte aus dem fernen Südafrika heim, um den Vorwurf zu entkräften, er habe gemeinsam mit Vorstandskollegen und Helfershelfern das Unternehmen systematisch ausgehöhlt und sich Teile des Vermögens angeeignet. Das schaffte er zwar nicht, aber durch einen Handel mit den Staatsanwälten hielt er seine Strafe in Grenzen. Für von ihm eingestandene Untreue und persönliche Bereicherung bekam er viereinhalb Jahre Gefängnis - weniger als erwartet. Eine nette Parallele zu Schneider: Wie der Frankfurter Gernegroß in seiner vom ZDF kürzlich gesendeten Tonbandrede wollte auch der ehemalige Gewerkschafter Otto den Banken die Schuld an der Pleite des von ihm geführten Unternehmens zuschieben.

Sein Vorstandskollege Werner Casper hatte sich indes kein so günstiges Fluchtland ausgesucht. Casper hatte sich nach Kanada davongemacht, wo er nach vier Jahren entdeckt und an die deutschen Behörden ausgeliefert wurde. Mit fünf Jahren und drei Monaten brummten die Richter ihm eine höhere Strafe auf als allen anderen verurteilten Exkollegen.

Wie Otto machte sich dagegen auch Jürgen Harksen auf nach Südafrika. Harksen soll in Norddeutschland Investoren mit verbrecherischen Immobiliengeschäften das Geld aus der Tasche gezogen haben. Am Kap der Guten Hoffnung scheint er keineswegs zu darben.

Wer nur der Steuerhinterziehung beschuldigt ist, muß nicht so weit reisen. Da reicht schon der Weg in die Alpen. So begab sich der bayerische Bäderkönig Eduard Zwick schon Anfang der achtziger Jahre in die Schweiz und kehrte nicht mehr in den unweit gelegenen Freistaat zurück. Rund 70 Millionen Mark Steuerschulden ließ er zurück. Zeitweilig hatte der bayerische Fiskus das Verfahren gegen Zwick gar wegen der Minimalzahlung von 8,3 Millionen Mark niedergeschlagen. Büßen soll nun indes Zwicks Sohn Johannes. Staatsanwälte in Landshut versuchen, dem Jungunternehmer, der die Geschäfte in Deutschland vom Vater übernahm, neben Steuerhinterziehung auch Betrug nachzuweisen.

Daß man sich als mutmaßlicher Steuersünder besser über die Grenze begibt, zeigte Ende der sechziger Jahre schon ein anderer Wirtschaftsmonarch: Hosenkönig Alfons Müller-Wipperfürth. Nach dem Krieg wurde der aggressive Textilunternehmer als Preisbrecher bekannt, der mit seinen Arbeitern recht rüde umging. Später verlegte auch er seinen Wohnsitz ins schöne schweizerische Tessin und expandierte mit Wucht ins Ausland. Pech für ihn: 1964 stürzte er mit einem Privatflugzeug in der Eifel ab und wurde verhaftet. Zwar bekam er wegen schwerer Verletzungen gegen Kaution Haftverschonung, mußte sich aber zwei Anklagen stellen. Ein Steuerstrafverfahren wurde eingestellt, nachdem er dreizehn Millionen Mark an den Fiskus gezahlt hatte. Als Pilot wurde er später freigesprochen. Doch 1975 erließen deutsche Behörden erneut Haftbefehl gegen den Rolls-Royce-Fahrer wegen Steuerhinterziehung. Von der Bundesrepublik hielt er sich freilich längst fern. Warten lohnte sich in diesem Fall: 1981 stellten die Ermittler das Verfahren wegen Verjährung ein. Da war Müller-Wipperfürths internationaler Konzern indes schon wieder eingegangen. Übrig blieb ein Konfektionsbetrieb in Österreich. Der Aufsteiger hatte wie viele gefallene Unternehmer nach ihm die eigenen Mittel und Fähigkeiten gehörig überschätzt.