Mit einem Ausflug in ferne, fremde Welten hat in Hamburg die "Hammoniale" begonnen, das "Festival der Frauen". Die Choreographin Chandralekha aus Madras in Südindien stellte mit ihrer Tanzgruppe (sieben Frauen, zwei Männer, drei Musiker, eine Sängerin) ihr 1994 geschaffenes Stück vor: "Yantra - Dance Diagrams".

Daß Tanz Teil des Gottesdienstes ist, daß die Welt entstanden ist durch den kosmischen Schöpfungstanz des Gottes Shiva: lauter fremdartige Voraussetzungen für das Verständnis einer in Handhaltungen, Fingergesten, Blickvarianten stilisierten Tanzform. Dabei hat Chandralekha den klassischen Tempeltanz Südindiens, "Bharatanatyam", erneuert und um moderne Ausdrucksformen bereichert. "Unsere Kunst ist zweitausend Jahre alt, aber so müde ist sie auch." Von dieser Einsicht aus hat Chandralekha den indischen Tanz reformiert: Nicht mehr "göttliche" Regeln bestimmen ihre Reigen-, Schreit- und Gebärden-Tänze, sondern der menschliche Körper wird jetzt zum Mittelpunkt.

Das demonstriert die Choreographin in einer knappen Erklärung vor dem Spiel: Sie legt die Hände in den Schoß. Hier, im Lebendigmachen der im weiblichen Becken schlummernden Kräfte, im Sichtbarmachen der "inneren Schönheit" und asiatischer Meditations-Riten hat sie den Ursprung ihrer für Indien revolutionären Choreographien entdeckt.

Dem scheint ein so nüchtern geometrischer Titel wie "Dance Diagrams" zu widersprechen. Und doch enthüllen die immer neuen Gruppierungen der Tänzerinnen in Dreier-Formationen von architektonischer Strenge, worauf es der Choreographin ankommt: "Der Körper wird gesehen als gespannte, dynamische Form: Kaskaden von Dreiecken, die in alle Richtungen deuten, sich in Winkel, Linien, Kurven und Windungen entfalten, aber von einem pulsierenden Kern zusammengehalten werden. So weiten sich die Dreiecke, strahlen aus, ziehen sich wieder zusammen, kreuzen sich auf verschiedenen Ebenen - und werden so zum Sinnbild für den Körper und sein Innenleben, seine Energie-Zonen, seine sexuellen und spirituellen Schichten".

Ein faszinierender Reigen über Sexualität, wobei fast jede Berührung der Paare vermieden wird und die minutenlangen Blickkontakte der Partner, bei wechselnder Kopfhaltung, allmählich den Zauber bewirken, von dem Chandralekha und ihre Tänzerinnen träumen: "Sanft und leicht zurückfließen, wie eine Handvoll Wasser zurück ins Meer."