Es gibt zwei PEN-Zentren, eins in Ostberlin, eins in Darmstadt. Damit soll es nach dem Willen des Ost-PEN ein Ende haben. Auf der Jahrestagung des West-PEN in Mainz sollte die Hochzeit beschlossen werden. Das jedenfalls wünschte sich das Darmstädter Präsidium und sein Präsident Gert Heidenreich. Die Dissidenten protestierten. Der Ost-PEN, sagen sie, sei der Nachfolger des DDR-PEN, es seien noch immer viele Spitzel im Ost-PEN, eine Vereinigung käme einer nachträglichen Legitimation des DDR-PEN gleich. Gert Heidenreich wollte auf der Tagung nicht mehr kandidieren.

Im "Frankfurter Hof" in Mainz nimmt das Präsidium auf dem Podium für drei denkwürdige Tage Platz. Uwe Wesel, Justitiar und designierter Generalsekretär, führt hinter allerhand Topfpflanzen die Verhandlung. Haupttagesordnungspunkt: Soll'n wir oder soll'n wir nicht? Das Präsidium des Ost-PEN, frühzeitig eingeladen, hat kurzfristig abgesagt. "Die fünfjährige staatliche Einheit in Deutschland", schreiben die Ostberliner Kollegen, "mag sie nun als Kind der Neigung oder der Nötigung empfunden werden", stelle zwar dringliche Fragen. Auch müsse der "Transport von Erfahrung erlangt werden", auf daß die "Erfahrung in Fluß" komme. An den Gesprächen in Mainz wollte sich das Ost-Präsidium jedoch nicht beteiligen, denn es fürchtet, seine Anwesenheit "könnte zu einer scharfen Auseinandersetzung" führen. Und scharfe Auseinandersetzungen wollen die Ostberliner Kollegen vermeiden.

Es gibt Anträge, Reden und Abstimmungen. Die Mikrophone piepen und rauschen. Der Kongreß tanzt. Hans Joachim Schädlich sagt, der Ost-PEN soll ein Ende mit sich machen. Walter Neumann will das Thema lieber nicht verhandeln. Hilde Domin will beide Zentren auflösen. Yaak Karsunke findet, der Ost-PEN muß zunächst mit seinem Laden aufräumen. Arnfrid Astel gibt zu bedenken, daß weiße Westen im Westen immer schon günstiger zu haben waren. Lea Rosh findet das unerhört. Klaus Staeck glaubt, daß, wer sich fünf Jahre lang nicht entscheiden kann, ob er sich verlobt, sich nie verlobt. Ingrid Bachér sagt, es geht nicht. F. C. Delius hält den Ost-PEN nicht für vereinigungsreif. Uwe Wesel will mit dem Ost-PEN in Verhandlungen treten. Carola Stern würde einfach mit Leuten wie Brigitte Burmeister gerne reden. Harry Pross will kein Siegerverhalten weiterführen. Friedrich Schorlemmer hat die schmerzliche Einsicht in die Realität der fortgesetzten Spaltung. Johano Strasser will sich auf kein hohes Roß setzen. Rüdiger Safranski geht es um den Charme der PEN-Prinzipien, nicht um einzelne Mitglieder. Hildegard Hamm-Brücher erinnert daran, daß ein bißchen Unter-den-Teppich- Kehren zur Politik gehört. Gerhard Zwerenz wünscht sich die Einheit der Gegensätzlichkeiten.

So geht das hin, so geht das her. Wo das hingeht, weiß man nicht.

Dann hält Margarete Hannsmann eine Rede.

Margarete Hannsmann ist Präsidiumsmitglied, ihre Rede ist im Programm angekündigt. Mit den Dichtern der DDR, beginnt sie, sei ihre Erinnerung eine Symbiose eingegangen. Alle zwei Jahre habe sie in Rostock mit den Schriftstellern unterm Sonnenschirm gesessen. Tausende brachten Blumen, Früchte, Eis. Friedlich, erzählt sie, waren alle beisammen unter der Schirmherrschaft von IM Hans, dem Chef vom VEB Reclam. Christa Wolf auf dem Kanapee, im Türrahmen Hermlin. Dann kam der Zusammenbruch und die Stunde der Rache für die Opfer. Doch Margarete Hannsmann lernte schweigen zum Opfergeschrei. Sie sei davon überzeugt, daß es jedermanns gutes Recht ist, auf seinen Vorteil bedacht zu sein, zu diesem Zweck auch Kröten zu schlucken. Sie mißbillige die Kampagne der Dissidenten und ihrer Anhänger gegen das Präsidium und seine Vereinigungsvorschläge. Die Ceauçescu-geschädigten Autoren hätten kein Recht dazu. Autoren, die Margarete Hannsmann nicht geneigt ist, Opfer zu nennen, denen sie im Gegenteil empfiehlt, auf ihren Opferstatus zu verzichten. Frau Hannsmann wolle wegen dieser Handvoll von Dissidenten, wegen dieses verlorenen Haufens nicht Jahrzehnte wegwerfen. Der Kongreß stolpert. Entsetzte Stille jenseits der Topfpflanzen.

Johannes Mario Simmel ist der einzige, der in dieser Rede "menschliche Töne" ausmachen kann. Herta Müller, Yaak Karsunke und Libuse Moníková treten vor die Saalmikrophone. Die DDR, Frau Hannsmann, war für Sie ein schöner Sommerurlaub. Folklore, Lüge.