Falls wir durch die Ausstellung "Sprache der Seele - Schwedische Landschaftsmalerei um 1900" nur schlendern wollten, dann würden wir vielleicht den Eindruck gewinnen: Nun ja, gute, brave Landschaftsmalerei, wie man sie in manchen Gegenden unseres Kontinents beobachten kann. Natürlich auch in Frankreich. Und wir lesen in einem Kommentar der sorgsam erarbeiteten Koblenzer Ausstellung, daß in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der französische Einfluß zu überwiegen begann. Attraktiv auch für die Schweden die Künstlerkolonie in Grez bei Fontainebleau, dort die "peinture de plain air", Freilichtmalerei - mit anderen Worten: eine "peinture de plaine plaisanterie" für den inspirierten Maler.

Wenn wir aber die Ausstellung genauer betrachten, dem Thema nach, in tempo giusto - dann machen wir amüsante Entdeckungen. Auf mehreren Werken konstatieren wir gleich, daß einige Menschen - Paare, auch einzelne Glotzer - in die Betrachtung der Landschaft versunken sind. Das Bild ist nur partiell ein Landschaftsbild, im übrigen das anschaulich gewordene Verhalten Mensch-Natur, ein kontrapunktisches System.

Wie gut paßt in diesen Zusammenhang ein Werk (schon gar nicht mehr ganz simpel Landschaftsbild zu nennen) von J. A. G. Acke aus dem Jahre 1909: "Der dem Meer lauscht" ("Havslyssnaren"). Ein nackter Menschenkörper ist flach auf einen Fels hingestreckt. Wasser flutet an den Körper heran, bespült ihn. Also nicht das Gestein und das Meer sind das eigentliche Motiv, sondern vor allem der Vorgang, das Lauschen. In der Interpretation des Katalogs wird zudem von "wellenartiger Rückenpartie" des Jünglings gesprochen. Anders ausgedrückt: der Körper des Menschen assimiliert sich an den Felsen. Also ein Bild, das nicht eigentlich ein Landschaftsbild ist, der Sinn ist ein doppelter.

Diametral entgegengesetzt konzipiert Gustaf Fjaestad (1868 bis 1948) ein Diorama, das den Titel trägt: "Der Knabe, der mit dem Herzen sieht". An dem Ufer irgendeines Gewässers, sich zurücklehnend, ein mit kurzer Hose bekleideter junger Mensch, der seine Beine ins Wasser streckt. Neben dem Knaben links eine Birke, rechts eine Tanne. Alles, was als Landschaft bezeichnet werden könnte, ist stilisiert, besonders das bläuliche Wasser. Das Gemälde wurde 1898 für eine Blindeneinrichtung geschaffen. Der Knabe hat geschlossene Augenlider. Denkt er? Mitten auf seiner Brust ein rotes Herz. Und mitten in diesem Herzen ein Auge. Wen oder was sieht das Auge? Der Katalog erläutert: "Das Defizit des Blindseins wird überstrahlt von der inneren Natur des Menschen, der die äußere Natur assistiert. In der Figur äußert sich eine Naturmystik . . ." Oho. Das erscheint denn doch ein bißchen weit hergeholt!

Aber nicht unhöflich sein, auch nicht bei den Landschaftsbildern des schwedischen Prinzen Eugen. Wir schlendern (jetzt doch schlendern) weiter. Und plötzlich eine wundersame Wandlung. Wir sind bei August Strindberg angekommen, im Koblenzer Museum im Keller - und damit auf einer erstaunlichen Höhe.

August Strindberg - eine faszinierende Doppelbegabung, ein doppeltes Genie. Als Maler von einem akademisch-schulmäßigen Stil weit entfernt. Er malte mit der Pranke oder mit beiden Pranken. Er bediente sich des Spachtels. "Pinsel besitze ich nicht", sagte er. Er trug ungemischte Farben auf, nein, nicht selten trug er nicht auf, er schmetterte die Ölfarben auf die Leinwand oder das Papier. Seine Tätigkeit erinnert an Vulkanausbrüche, er schrieb in einen Gauguin-Katalog (zitiert von Otto Stelzer im Buch "Die Vorgeschichte der abstrakten Kunst"): "Ich fange selber an, das große Verlangen zu spüren, ein Wilder zu werden und eine neue Welt zu schaffen."

Goethe riet einmal, man solle Bilder im Entstehen beobachten, um das Richtige über sie zu sagen. Bei Strindberg erleben wir einmal, daß er nicht vom Motiv ausging, um Kunst zu schaffen, sondern daß sich (so scheint es) beim anfangs fast formlosen Schmettern von Farben allmählich Form, Gestalt, Motiv erst herauskristallisierten. Ein einzigartiges "Drama", noch elementarer als die rückhaltlose Offenheit, mit der Strindberg in seinen Bühnenstücken gegen den Zeitgeist opponierte. (Mittelrhein-Museum bis zum 7. Juni; Kunsthalle Kiel 18. Juni bis 6. August; Katalog 39,- Mark)