Brief aus Cannes

Cannes ist schön in diesem Jahr. Das Wetter ist schön (wiewohl kühler als erwartet), die erleuchteten Hotelfassaden an der abendlichen Croisette sind schön (besonders im Fernsehen), und die aufgemotzten Stars und Sternchen, die jeden Tag zwischen sieben und halb acht die Stufen zum Festivalpalast erklimmen, sind es auch (wenn man nicht so genau hinschaut). Schön sind die Yachten der Fernsehgesellschaften und Filmproduzenten, die im alten Hafen vor Anker liegen. Und schön war die Strandparty zu Wim Wenders' "Lisbon Story", der in der Nebenreihe "Un Certain Regard" gezeigt wurde - die Gruppe Madredeus spielte, die schöne Teresa Salgueiro sang, und im Hintergrund rauschte wunderschön das Meer. Nur im Kino blieb es öd und leer: Im Wettbewerb gab es die übliche Fünftagemischung aus Kostümschinken (bisheriger Tiefpunkt: James Ivorys "Jefferson in Paris"), politischem Aufklärungskino ("Jenseits von Rangun" von John Boorman) und afrikanischen Allegorien ("Waati" von Souleymane Cissé), in den übrigen Sektionen freute man sich nach allerlei Kindergeschichten (Diane Keatons "Unstrung Heroes") und Brüdergeschichten (Robert Lepages "Le Confessional") ganz maßlos über eine einfache, amoralisch e, brutale Gangstergeschichte (Bryan Singers "The Usual Suspects"). Aber irgendwann, am siebenten oder achten Tag, werden wir auch noch schöne Filme in Cannes sehen - Filme von Zhang Yimou, Theo Angelopoulos, Jim Jarmusch und Emir Kusturica. Bis dahin trösten wir uns mit einem Werbezettel für das "Erste Internationale Festival des Phantastischen Films in Aruba", der im Pressezentrum ausliegt: "Aruba ist eine Karibikinsel vor der Küste von Venezuela . . . warmes tropisches Klima . . . moderne Infrastruktur, Sandstrände, eine Vielzahl von Tages- und Nachtangeboten . . . Dieses paradiesische Eiland wird neun Tage lang die Spitzenprodukte des Phantastischen Films beherbergen. Erleben Sie Kunstgenuß und Sommerfreuden im besten arubanischen Stil." Schön! Auf nach Aruba!

Der Allerhöchste

Ja, gewiß, er wird von seinesgleichen hochgeachtet als ein Architekt, der sich wenig um die Moden kümmert. Doch im übrigen ist er so unbekannt geblieben, daß nicht einmal der dickleibige Foliant über alle wichtigen "Contemporary Architects" seinen Namen nennt: Juha Leiviskä, seit siebzehn Jahren liiert mit Vilhelm Helander. Er bekam soeben den kostbarsten aller Architektenpreise auf Erden - nein, nicht den amerikanischen Prizker-Preis, der seiner einhunderttausend Dollar (und einer kleinen Plastik von Henry Moore) wegen von jeher als "Architektur-Nobelpreis" bestaunt wird, sondern einen ganz neuen, den dänischen Carlsberg-Architektur-Preis, der mit mehr als doppelt soviel Geld winkt, mit anderthalb Millionen dänischen Kronen (das sind zweihunderttausend Boswell, pardon, Ecu oder dreihundertfünfundsiebzigtausend Mark). Seinen Namen hat der Preis von der berühmten Kopenhagener Bierbrauerei, die schon seit 1847 ein enormes kulturelles Engagement entfaltet und den Künsten wie den Wissenschaften sehr großzügig mit Stiftungen beisteht. Die internationale Jury wählte Leiviskä unter vierundsechzig Kandidaten aus dreiundzwanzig Ländern aus; sie pries seine unvergleichlich kreative Art, Gebäude zu entwerfen, die er gegen alle aktuellen Strömungen behaupte, seine künstlerische Einzigartigkeit, die Sensibilität im Umgang mit Materialien, seine Raumerfindungskraft, das heißt nicht zuletzt seine Virtuosität, "mit Licht zu bauen". Zu seinen Meisterwerken gehören Kirchen, Pfarrzentren, Bibliotheken, Wohngebäude, aber auch die vor zwei Jahren vollendete, strahlenförmig gegliederte deutsche Botschaft in Helsinki.

Dresdner Goldstaub

Fünfzehn Architekten haben artig gedrückt und brav ein Ei gelegt, ein stark verkröpftes Ei. Was ist herausgeschlüpft? Der Entwurf einer rigoros altertümelnden Gestaltungssatzung für den Neumarkt rings um die Frauenkirche. Wenn schon das barocke Gotteshaus, das keines je wieder sein wird, so errichtet wird, wie es früher einmal war, soll nun auch seine Umgebung nach Kräften wieder so hergerichtet werden, wie sie einmal war, mit allen schiefen Ecken und Kanten, hochprozentig historisierend. Alle 250 einzelnen Grundstücke, die dort gezählt worden sind, haben wieder der "Kleinparzelligkeit" zu gehorchen. "Leitbauten" wie das Coselpalais, das Weigelsche Haus, das Hotel "Stadt Rom" und das "British-Hotel" sollen "kompromißlos" so hergerichtet werden, daß sie außen "historisch" aussehen, innen indessen "heutigen Anforderungen gerecht werden". Zur Zeit wird das Terrain, wie zu lesen, "juristisch rund gemacht", damit die Investoren, die es, wie man liest, heftig "in Dresdens Goldstaubviertel" drängt, so zügig loslegen können, wie es sich für eine moderne Großstadt gehört.