Aus der islamischen Welt

Glaube und Gesetz betreffen mich nicht. Es gibt ein Ich in mir weiter drinnen

Yunus Emre, anatolischer Mystiker

aus dem 14. Jahrhundert

Es ist kein Zufall, daß es nicht ein wissenschaftliches Werk war, sondern ein fiktiver Text wie die "Satanischen Verse", der die "Ingenieure des Glaubens" in der islamischen Welt provoziert hat. Denn Salman Rushdie besetzt mit seinem Wortzauber den von der Religion freigeräumten Platz. Mehr noch, er enthüllt die Leere dieses Platzes. Dichter konkurrieren mit den Propheten, das steht schon im Koran. Dichter und Propheten holen die Wörter aus einer verborgenen Sprache.

Rationale Erkenntnis und Säkularisierung haben die Wahrnehmung der Welt durch den Menschen überall grundlegend verändert. Doch anders als der Westen hat die islamische Welt mit der Modernisierung ihre mythischen Grundlagen verloren. Nicht Verwandlung bestimmte den Fortschritt, sondern ein radikaler Bruch mit dem Erbe. Ein kruder Rationalismus erklärte fast die gesamte vorangegangene Geistesgeschichte zum Aberglauben. Übriggeblieben sind rationalistische und integristische Eiferer - die einen machen aus der Wissenschaft eine Religion, die anderen aus der "letzten, vollkommenen Offenbarung" eine Wissenschaft.

Man wollte nicht in die tieferen Schichten der eigenen Erde eindringen, sondern den schlammigen Grund zubetonieren, um darauf schneller vorwärtszukommen. Unter dem Beton schlummert nach wie vor eine verdrängte, vielschichtige Welt, mit Wurzeln ganz unterschiedlicher Denksysteme und Lebensanschauungen. Dort halten sich Mystiker wie Yunus Ruschd, Erotomanen wie Omar Chajjam, Besessene wie Mansur auf. Die islamische Kultur ist heterogen und mit dem gängigen Begriff des Islam nicht zu erfassen. Der ist im öffentlichen Bewußtsein und in den Medien immer mehr zum Schlagwort für das Fremde, Bedrohliche und Archaische verkommen.