Das Zauberwort im Reich der neuen Medien heißt virtuell, und die Welt der Monitore, Interfaces und Interaktivität hebt an zu flackern und zu rauschen, wird es nur recht angeklickt: "Die medial vermittelte Landschaft besitzt eine digitale Topographie, deren vernetzte Kosmographie die reale Welt in einem televirtuellen imaginären und sozialen Raum widerspiegelt." Schreibt der digitale Wünschelrutengänger Jeffrey Shaw zu "neuFundland II", einer von vier Ausstellungen auf der "multimediale 4", dem größten Medienkunstspektakel der Republik, das am vergangenen Wochenende in Karlsruhe zu Ende ging. In der virtuellen Welt ist der Schein so schön, daß man sie für echt hält, in ihr aber eine Freiheit genießt, die hienieden, im schnöden Alltag und gefangen in dem plumpen Fleischberg, der Körper heißt, unmöglich ist. In der virtuellen Welt wird das ewige Versprechen der Kunst endlich erfüllt, sie sei das wahre Leben im falschen.

Ach, wäre es nur so! Der tatsächliche Inbegriff der Medienkunst, auf den das Festival seinen Gegenstand unfreiwillig brachte, ist potentiell. Alles ist möglich, im Moment aber nichts davon wirklich, nicht einmal virtuell. Die ganze Show eine einzige Verheißung einer besseren Zukunft; die Gegenwart aber ein stetes Unterschreiten der eigenen Ansprüche. Heinrich Klotz, der Vorstand des veranstaltenden Zentrums für Kunst und Medientechnologie und unermüdlicher Herold der guten, neuen Sache, scheint es geahnt zu haben. Sprach er doch angesichts der Medienkunstwerke aus seinem im Aufbau begriffenen Museum für Gegenwartskunst davon, daß die Objekte seiner Begierde erst "im kommenden Jahrhundert die Feste feiern werden".

So war denn das Fest 1995 ein Ereignis im Potentialis, mehr wortals werklastig; die kleinen Ausstellungen wurden von drei großen Symposien begleitet. Der Wortort war dabei symptomatisch: eine Mischung aus Bunker und Tiefgarage, in der sich Bazon Brock, den Warholschopf von einem blauleuchtenden Monitor stilecht illuminiert, zur Verteidigung der digitalen Bilder in die Brust warf. Daß diese die Kunst wieder als Lehrerin der Wissenschaften etablierten, war seine standhafte Behauptung - und ist doch nicht mehr als ein weiterer Konjunktiv, diesmal wohl sogar ein Irrealis.

Auch von der Aufhebung des Originals, der Demokratisierung der Kunst im interaktiven Werk, das erst der Betrachter oder Benutzer vollendet, war viel die Rede, aber wenig zu sehen. Im Halbdunkel der Ausstellungsräume wurde vielmehr die Macht der Maschinenmeister zelebriert, ihr technisches Vermögen auratisiert. Ein halbes Jahr "Entwicklungszeit" habe er für das In- und Miteinander von Video und Software seines Werks "The way" benötigt, schreibt der ungarische Computeranimateur Tamás Waliczky voller Stolz. Der Effekt dreier halbnackter Männer, die durch ein künstliches Dorf laufen: Je weiter entfernt ein Objekt scheint, um so größer wird es und vice versa - verkehrte Welt. Und so vertraut aus echter Handarbeit: Die Augsburger Puppenkiste hatte dafür vor Jahr und Tag den freundlichen Scheinriesen Turtur, einen Weggefährten von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer.

Die digitale Moderne möchte so gerne die Erklärungsbedürftigkeit ihrer kopflastigen Vorgänger überwinden - und setzt an die Stelle verstörender und anstrengender Aufklärung die Gebrauchsanweisung. Mitunter waren die Programme so kompliziert, daß es kaum zu einer Benutzung, geschweige denn zu einer Interaktion kam. Ab und an mischte sich in die Technikbegeisterung eine naive Medienkritik: jedes Abbild Fälschung, das Massenmedium in falscher Hand ein Grauen. Dazu zeigte Signe Theill ein Video mit einem Laib Brot, am Computer gebacken, durch den Bilder aus Afrika zucken, wo - trotz Hunger! - vor unersättlichen Kameras kräftig gefochten wird. High-Tech-Selbstkritik aus dem Geist des Dritte-Welt-Ladens; man ist pc mit dem PC.

Natürlich litten die Ausstellungen unter den beengten Platzverhältnissen; akustisch wie intellektuell entstand ein Brei aus Kunst und Kinderzimmer. Zum Trost diente ein weiteres Versprechen: Bei der nächsten "multimediale" 1997 will man in der neuen Heimstatt des ZKM, den renovierten, gewaltigen Räumen einer alten Munitionsfabrik, besser trennen und klarer sehen können.

Diese "multimediale" aber stellte vor allem ein Dilemma zur Schau: Eine im Aufbau begriffene Institution muß, um Gunst und Geld der Bürger nicht zu verlieren, sich vor der Zeit und mit gewaltigem Getöse präsentieren. Also schmückte man sich mit großen Namen und noch größeren Worten; die Gegenstände des medialen Bombasts aber waren dieser Rede nicht wert. Womit nur der Verdacht geschürt wurde, der Kaiser sei, auch wenn er am Computer sitzt, nackt.