NÜRNBERG. - Das Frankenstadion lag zwar noch hell erleuchtet vom Flutlicht unter dem nächtlichen Himmel, was sich im Fanblock in der Westkurve tat, war dennoch einigermaßen gespenstisch: Einige hundert Fans, von Kopf bis Fuß in Rot-Schwarz gekleidet, feierten siegestrunken ihre Mannschaft, als sei die soeben deutscher Meister geworden. Ein klarer Fall von Selbsthypnose, denn in Wirklichkeit hatten die einst so Ruhmreichen vom 1. FC Nürnberg gerade mal den Fußballzwerg aus Bad Homburg mit 3 : 0 Toren abgefertigt.

Die entscheidende Schlacht freilich - und das wissen natürlich auch die Fans - fand hinter den Kulissen statt; und die hat der Traditionsverein, wie zuletzt immer, verloren. Der DFB, aufgeschreckt durch immer neue Skandalmeldungen aus der fränkischen Metropole, entzog seinem einstigen Lieblingskind die Lizenz. Gemeinsam mit Dynamo Dresden, dem 1. FC Saarbrücken, Hertha BSC Berlin und zuvor schon Rotweiß Essen darf der langjährige deutsche Rekordmeister (neunmal deutscher Meister, dreimal Pokalmeister) künftig in der Regionalliga kicken. Vielleicht nicht unbedingt "ein Super-Gau", wie die lokale Boulevardzeitung im ersten Schmerz schrieb, aber doch ein Lehrstück dafür, wie Mißmanagement einen Verein zugrunde richten kann.

Zumindest die jüngsten Kapitel der fast hundertjährigen Vereinsgeschichte lesen sich wie eine einzige Chronique scandaleuse: Unter dem Trainerdenkmal Max Merkel gelang der Mannschaft Ende der sechziger Jahre bereits das Kunststück, innerhalb von neun Monaten zuerst Meister zu werden, um dann, mit nahezu unveränderter Mannschaft, abzusteigen. Rückblickend dennoch eine geradezu glückhafte Epoche, blieben doch die Fehlleistungen damals weitgehend auf den grünen Rasen beschränkt.

Doch dann erklommen Präsidenten die publikumsträchtige Bühne am Valznerweiher, die allesamt den Verein retten wollten - und das hätte selbst ein gesunder Club nicht überlebt. Es begann damit, daß sich unter dem Immobilienkaufmann Gerd Schmelzer und seiner Bauleidenschaft Schulden von geradezu astronomischem Ausmaß in der Vereinsbilanz ansammelten. Mit bis zu dreißig Millionen Mark soll der Rekordmeister zeitweilig in der Kreide gestanden haben - und das, obwohl der Verein aufgrund seines großen Hinterlandes stets ein Zuschauermagnet war und Einnahmen hatte, von denen andere Bundesligavereine nur träumen konnten.

Relativ übersichtlich ist dagegen die Kostenrechnung für das ebenfalls zu Schmelzers Zeit entstandene Frankenstadion, eine der modernsten Arenen in der Republik: Rund siebzig Millionen Mark ließen sich Stadt und Freistaat Bayern den Prachtbau kosten - demnächst werden die Ballzauberer vom SV Lohhof ihre Künste darin vorführen. Denn kaum hatte der 1. FC Nürnberg das neue Stadion in Betrieb genommen, war er auch schon abgestiegen (damals noch aus der ersten Bundesliga und noch ganz ohne die Hilfe des DFB).

Danach folgte der Sturz ins Bodenlose. Inzwischen stand nämlich mit Gerhard Voack ein profilierungssüchtiger Gernegroß an der Vereinsspitze, der von einer großen landespolitischen Karriere träumte und sich unter anderem dadurch hervorgetan hatte, daß er Trainer Willi Entenmann in die Wüste schickte - ausgerechnet nach einem 2 : 0-Sieg gegen den Erzrivalen FC Bayern München. Mit dem Weggang des sachverständigen Schwaben ging der spielerische Kollaps der Mannschaft einher. Erst verlor sie Spiel um Spiel in der obersten Fußballklasse, dann lief und spielte sie sogar der Konkurrenz in der 2. Liga hinterher. In den Schlagzeilen blieb der "Club", wie ihn Fußball-Deutschland noch immer liebevoll nennt, weiterhin - aber nicht wegen seiner Leistungen.

So wurden Schiedsrichter beispielsweise mit teuren Fitneßgeräten und anderen Sportartikeln reich beschenkt. Den Vogel schoß der Wirtschaftsprofessor Ingo Böbel ab: Während seiner Zeit als Schatzmeister "erleichterte" er den Verein um 800 000 Mark und schleuste noch mal dieselbe Summe am Finanzamt vorbei. Der Ökonomiefachmann sitzt heute deswegen im Gefängnis; zu dreieinhalb Jahren wurde er verurteilt.