Seine erste und einzige Ohrfeige als Kind bekam Billy Joel in Hicksville, Long Island, wegen eines musikalischen Vergehens. Er übte eine Beethovensonate und spielte sie plötzlich als Boogie-Woogie. Sein Vater kam ins Zimmer und . . . Der 72jährige Vater Helmut Joel sitzt in seinem Wohnzimmer in Wien und lächelt spöttisch: "Und Sie glauben, was die Presse schreibt?" Schön wäre es schon, diese Geschichte zur Geburtsstunde des "Piano Man" Billy Joel zu deklarieren und damit diese Mischung aus aggressivem Rock, einsamem Barpiano und klassischem Form- und Melodienbewußtsein zu erklären. Schade.

Billy the Kid aus Hicksville, Helmut, sein Vater, in den USA zu Howard amerikanisiert, und Karl Joel, der Großvater aus Nürnberg. Dazu: Julius Streicher, Josef Neckermann, Hermann Göring, Gustav Schickedanz. Die Auftrittsorte: Würzburg, Nürnberg, Berlin, Havanna, Theresienstadt, Auschwitz, New York. Und noch ehe das Konzert begonnen hat, ist das Ende nicht abzusehen.

Am Anfang war die Musik: Steffen Radlmaier, Billy-Joel-Fan und Journalist, erwähnte in der Kritik eines der seltenen Joel-Konzerte auf deutschem Boden die Nürnberger Abstammung seines Idols. Matthias Oberth, Pressereferent in Nürnberg, erkannte die Zeichen der Zeit, knüpfte Kontakte, prallte am Management ab. Da ergab es sich, daß Stadtrat Arno Hamburger und Helmut Joel alte Schulfreunde waren, dieser mit seinem Sohn in Long Island telephonierte und nach langer Überzeugungsarbeit, nach vielen Einwänden und Ausreden, Billy Joel dann doch versprach, nach Abschluß seiner Supertour mit Elton John in den USA schließlich ganz allein, nur mit seinem Klavier . . .

"Ich glaube, er hat Angst. Wir haben nie über Politik gesprochen. Ich habe ihm erklärt, daß er dieses Konzert in Nürnberg als Akt der Versöhnung machen sollte. Aber er hat Angst vor der Vergangenheit. Er ist Zeitungsleser, und das Antideutschtum existiert weiter. Das ist alles, was er weiß. Ich glaube, nach Nürnberg wird er seine Meinung ändern. Dann wird er ein besseres Bild haben." Helmut Joel nickt, als müsse er sich das selber bestätigen.

Er hat allen Grund der Geschichte dazu, obwohl er selbst zu den Begünstigten des Zufalls gehörte. 1923 in Nürnberg geboren und aufgewachsen, zieht er 1934 mit seinen Eltern nach Berlin und wird 1935 ins Schweizer Internat geschickt. 1938 kommen seine Eltern nach, sie fliehen über Frankreich und England nach Kuba, werden schließlich ins gelobte Land eingelassen. Mit zwanzig steht er vor der Wahl, als Helmut in einem Internierungslager irgendwo in Texas zu leben oder als Howard der U.S. Army beizutreten. Er kehrt als amerikanischer Soldat nach Europa zurück, landet in Italien, zieht über Monte Cassino nach Norden, über Frankreich nach Franken, im Bogen über Dachau nach München. "Ich hatte schon eine Wut im Bauch. Aber eigentlich war ich froh, daß der Krieg zu Ende war."

Im zerstörten Nürnberg sucht er nach Schulfreunden, findet ein paar, geht zur Landgrabenstraße, wo früher das Versandhaus seiner Eltern stand. Eine graue, platt gebombte Fläche, in deren Mitte unversehrt ein Schornstein aufragt. Senkrecht von oben nach unten wenigstens die Buchstaben, die sie übersehen hatten: J O E L.

Zwei Jahre vorher, in eben diesem Nürnberg, trifft ein Schulfreund eine Cousine von Helmut auf der Straße. Sie trägt einen Stern, er spricht sie an, erfährt, daß sie denken, nach Theresienstadt geschickt zu werden. Er kann nur kurz mit ihr reden, wird angepöbelt, weil er sich mit einer Jüdin unterhält. "Damals dachte man, Theresienstadt ist gar nicht so schlecht. Meine Tante Gerda Sampson und ihre beiden Töchter kamen dann nach Jzbica, einem ,Übernachtungslager`. Nur für eine Nacht. Am nächsten Abend waren sie tot. Man muß sich das vorstellen. Vorsätzlich."

Versöhnung.

Aus dem Rocklexikon: "Billy Joel, bürgerlich William Martin Joel, am 9. Mai 1949 in Bronx geboren, aufgewachsen in Hicksville, Long Island, gehörte zu der kleinen Gruppe von Songschreibern, die ein neues Goldenes Zeitalter des amerikanischen Pop kreieren. Mit Originalität, Bissigkeit, Entschlossenheit und einer poetischen Stärke, die von seinen Zeitgenossen kaum erreicht wird, skizzierte er musikalische Genrebilder vom Leben am Rande der großen Stadt, von der Verlorenheit im Trubel Manhattans, der Einsamkeit in Nacht- und Neonbars."

Als Billy Joel sieben, seine Schwester Judith Ann neun Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Howard Joel, der als Fernsehingenieur bei General Electric arbeitet, zieht nach Europa und nimmt eine Stelle in Genf an. "Es ging nicht anders. Wenn ich meine Kinder traf, waren sie instruiert, nicht mit mir zu sprechen. Grauenhaft." Howard schickt seinen monatlichen Scheck, die Mutter schickt Billy zum Klavierlehrer. Nicht reich, nicht richtig arm - das Klischee vom Vorstadtballaden-Sänger nimmt seinen Anfang. Howard trifft Billy erst 1972 in Los Angeles wieder. Billy Joel: "Als er auf mich zukam, wußte ich sofort, daß er es war. Er hat die gleichen Glubschaugen. Er sah mich auf diese Art an "Mann, hab' ich früher so ausgesehen?" und ich ihn mit diesem Blick "Mann, werd' ich später mal so aussehen?"

Julius Streicher, Volksschullehrer, SA-Frankenführer und Herausgeber des Nürnberger Hetzblattes Stürmer: "Es kommt jetzt darauf an, daß auch noch der letzte Deutsche mit Herz und Hand sich in die Front derer begibt, die sich zum Ziel gesetzt haben, der Schlange Alljuda den Kopf zu zertreten."

Helmut Joel: "Man hat uns immer gesagt: Ihr seid Juden. Sonst hätten wir das gar nicht gemerkt." Leon Joel, Helmuts Onkel, hoch dekoriert als Soldat im Ersten Weltkrieg, weigert sich lange, die Wirklichkeit zu sehen. "Ich bin Deutscher, jüdischer Religion. Es ist unmöglich, daß die Deutschen so was machen." Als ihm der Glaube nicht mehr hilft, verschafft ihm sein Bruder von Havanna aus ein Visum und einen Platz auf der St. Louis. "Sie kamen bis nach Havanna. Sie haben mitten im Hafen geankert. Wir lebten schon in Kuba, mieteten uns ein kleines Motorboot und fuhren zum Schiff. Sie standen oben an der Reling und durften nicht runter. Später ist der deutsche Kapitän noch drei, vier Tage vor der Küste Floridas auf und ab gefahren. Keine Chance, die Amerikaner ließen sie nicht landen. Als sie wieder in Europa waren, haben England, Frankreich, Holland und Belgien die Flüchtlinge aufgeteilt. Mein Onkel entschied sich für Frankreich, dann kam der Krieg, und er mußte wieder fliehen. Schließlich haben sie ihn kurz vor der Grenze in den Pyrenäen geschnappt. Er ist mit seiner Frau - ich weiß nicht - ich denke Auschwitz - ich weiß nicht."

Versöhnung.

Sohn Billy Joel: "Ich halte nichts davon, auf eine Kiste zu steigen und einer dieser Typen zu werden, die soziale und politische Botschaften verkaufen. Ich glaube, am meisten bewirkt man, wenn man die Geschichte eines Menschen erzählt, nicht seine Meinung über irgendeine Sache."

Vater Helmut/Howard erzählt diese Geschichten nicht gerne, lieber spricht er von den Deutschen, die seinem Vater bei der Flucht geholfen haben, von der neuen Generation, die damit nichts zu tun hat, von seinem Vater, der mit seiner Frau Meta 1964 wieder nach Nürnberg zurückkehrte und dort mit ihr begraben liegt. "Mein Vater sagte einmal: Wenn ich mir über Antisemitismus Sorgen machen würde, dann wäre für mich das beste Land Deutschland. Denn dort gibt es nie wieder Antisemitismus."

Die letzte Geschichte: "Im Jahre 1927 hatten sich der Nürnberger Karl Amson Joel und seine Frau 10 000 Reichsmark zusammengespart. Mit diesem bescheidenen Vermögen begründeten sie einen kleinen Wäscheversand." So beschaulich beginnt das Kapitel "Nach Berlin!" in den "Erinnerungen des Josef Neckermann. Er selbst, Sohn des größten bayerischen Kohlehändlers und Ehemann einer Frau aus neureichem Autohandel, war nie Antisemit, lebte aber nach dem Grundsatz: "Wenn ich es nicht tue, macht's ein anderer." Und es wird die normalste und deshalb grauenhafteste Geschichte im Schnittpunkt von Egoismus und Zeitgeist, von blanker Habgier und arischem Wahnsinn. Hand in Hand. Hier wird keiner gefoltert und ins KZ geschickt, hier sitzen sie nur und warten darauf, daß einer zusammenbricht und aufgibt. Josef Neckermann ist sich in seinen verblüffend offenen "Erinnerungen" seines Rechts so sicher, daß Helmut Joel sechzig Jahre später nur resignierend mit der Schulter zuckt.

Einreiten: Josef Neckermann, geboren am 5. Juni 1912 in Würzburg, konnte, wie die meisten, nichts dafür. Ein junger, aufstrebender Kaufmannssohn, der der Reiter-SA beitrat ("allerdings ohne es recht zu bemerken", J.N.) und froh war, daß sein Schwiegervater "seine ursprüngliche Begeisterung für den Nationalsozialismus auf ein normaldeutsches Maß zurückschraubte". Glückliche Fügung, daß er zwei jüdische Kaufhäuser in Würzburg billig erwerben konnte, trotz des Protestes seiner Mutter (Musch: "Jüdische Warenhäuser, ich bitte Dich! Wie es da schon riecht!"). Nachdem die SA zwei Jahre lang Kunden angepöpelt und photographiert hat, verschiedene Warenkategorien verboten wurden und die Dresdner Bank plötzlich keinen Kredit mehr gewähren konnte, dafür auf Rückzahlung des alten Darlehens drängte, kam Neckermann zu Hilfe - er kaufte. 1935 "Ruschkewitz" und "Merkur", dann 1937 das gegenüberliegende Spezialgeschäft "Vetter", "das vom Vorbesitzer arisiert worden war. Ein guter Fischzug" (J.N.). Motto Neckermann: "Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit."

Die Dressur: Neben "Witt Weiden", Gustav Schickedanz' "Quelle" und "Schöpflin" gehörte Karl Joels Wäsche- und Konfektionsversandhaus zu den Großen der Branche. Mit Stoffresten hatte es begonnen, die Adressenkartei wuchs, die Vierzimmerwohnung in der Uhlandstraße erwies sich bald als zu eng, eine eigene Näherei wurde eingerichtet, das Angebot auf Konfektion erweitert, das Versandunternehmen Joel begann zu blühen. Josef Neckermann: "Karl Amson Joels Unternehmen hatte nur zwei Haken: Er war Jude und er hatte sich als Firmensitz ausgerechnet die Stadt Nürnberg ausgesucht, die Stadt des berüchtigten Julius Streicher." 1934 entschloß sich Karl Joel, sein Unternehmen nach Berlin zu verlegen, die Näherei verblieb in Nürnberg. Das verschaffte ihm eine Gnadenfrist von vier Jahren, begünstigt durch die taktierende Wirtschaftspolitik Hermann Görings und die Fürsprache Fritz Tillmanns, Parteigenosse, Stadtrat, Chef des Wirtschaftsberatungsamts und Tuchfabrikant. Die Schikanen verschärften sich auch hier: Arier in die Geschäftsleitung, Boykott durch arische Zulieferfirmen, immer wieder Verhaftungen, Kennzeichnung der Pakete mit einem "J", Verbot, in Zeitungen zu inserieren. Als am 26. April 1938 eine "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" über 5000 Reichsmark und die "Arisierung jüdischer Wirtschaftsbetriebe" beschlossen wird, gibt Karl Joel auf. Er will verkaufen.

Josef Neckermann: "Ich bat meinen Schwiegervater, sich umzuhören, ob nicht vielleicht irgendwo ein Versandhaus zum Verkauf stünde. Etwa drei Millionen wollte ich dafür ausgeben." So viel mußte er gar nicht anlegen. Das Versandhaus, dessen Konfektionsumsatz Neckermann für 1937 mit einer Million monatlich angibt, dessen Gesamtjahresumsatz für 1938 er zwei Buchseiten später mit vier Millionen beziffert, wird immer billiger. Am 11. Juli 1938 unterzeichnen Karl Joel und Josef Neckermann den Verkaufsvertrag. Am 1. September soll Neckermann den Betrieb übernehmen. Karl Joel verliert die Nerven und flieht in die Schweiz. Und es wird noch billiger.

Josef Neckermann: "Das Inventar wurde statt wie vorgesehen mit 200 000 nur mit 5300 Reichsmark bewertet. Von dem seinerzeit vereinbarten Kaufpreis von 2,3 Millionen, von dem die Verbindlichkeiten und Lieferantenverpflichtungen der Firma Joel abgezogen wurden, habe ich vereinbarungsgemäß weitere 500 000 Reichsmark als Sicherheit für eventuell noch bestehende Forderungen gegen die Firma Joel einbehalten . . . Den Rest des Kaufpreises, 1,14 Millionen Reichsmark, entrichtete ich auf ein Treuhandkonto beim Bankhaus Hardy & Co in Berlin. Es stellte sich heraus, daß Joel davon wenig oder gar nichts zu sehen bekommen hat . . . Wie ich später erfuhr, mußte Tillmann am 6. September 1938 in die Schweiz berichten, daß alle Vermögenswerte Joels beschlagnahmt worden seien." Motto Neckermann: "Gute Ware zu billigen Preisen".

Stechen: Karl und Meta Joel haben in New York ein kleines Geschäft eröffnet, in dem sie Haarschleifen herstellen und verkaufen. Ihr Sohn Howard arbeitet als Ingenieur bei General Electric in Europa, die Enkelkinder Billy und Judith Ann wohnen bei ihrer Mutter in Hicksville. Billy spielt ganz gut Klavier, Familientradition. Anfang der fünfziger Jahre beauftragt die Familie Joel einen Anwalt mit der Einreichung eines Rückerstattungsbegehrens. Im Januar 1955 wird ein Vergleich geschlossen: Die Neckermann-Versand KG erklärt sich bereit, eine Zahlung von zwei Millionen DM an Joel zu leisten. Dabei wird auch geklärt, welche Kaufsumme Josef Neckermann im September 1938 auf welches Konto geleistet hat: 1 079 960,70 RM, eingezahlt auf ein Konto unter dem Titel "Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann, Sonderrechnung Joel" bei der Hardy-Bank. Josef Neckermann behauptet, über das Konto nie verfügt zu haben, Karl Joel konnte nachweislich nicht darüber verfügen, er galt als ,Devisenausländer`, dessen Vermögen beschlagnahmt wurde. Karl Joel leitet rechtliche Schritte gegen das Bankhaus ein.

Auftritt: Rechtsanwalt Dr. Kuboschok, Rechtsberater des Versandhauses Quelle, dessen Besitzer, Gustav Schickedanz, ehemals ebenso frühes SA-Mitglied, eine Chance wittert, der Konkurrenz Unannehmlichkeiten zu bereiten. Dr. Kuboschok findet einen Brief vom 15. September 1938, in dem Josef Neckermann schreibt: "Über das Konto bleibe ich verfügungsberechtigt, so lange ich Ihnen nicht andere Weisung zugehen lasse." Das heißt: Er hat am 15. September 1938 ein Konto über die Kaufsumme eingerichtet, nachdem Joel am 6. September 1938 enteignet worden war. Die Klage Karl Joels gegen das Bankhaus Hardy scheitert. Motto Neckermann: "Gewußt wie, darauf kommt es immer an".

1933 existieren in Deutschland 100 000 jüdische Betriebe, im April 1938 sind es noch 39 532. Anfang 1933 gibt es mehr als 500 000 jüdische Geschäfte, im Juli 1938 noch 9000, davon 3637 in Berlin. Am 17. 1. 1939 ist die Arisierung abgeschlossen. Brief eines Münchner Kaufmanns, Nationalsozialist, SA-Mann, am 16. April 1938 an die Industrie- und Handelskammer München: Ich kann nicht mehr zusehen, "in welch schamloser Weise von vielen ,arischen` Geschäftsleuten, Unternehmern etc. versucht wird . . ., die jüdischen Geschäfte, Fabriken etc. möglichst wohlfeil und um einen Schundpreis zu erraffen. Die Leute kommen mir vor, wie die Aasgeier, die sich mit triefenden Augen und heraushängender Zunge auf jüdische Kadaver stürzen." Josef Neckermann: "Unter den gegebenen Umständen hielt sich Joel tapfer."

Versöhnung?

Helmut Joel nickt. "Wissen Sie, ich bin in Nürnberg geboren, es ist meine Heimatstadt. Mein Vater ist, wie die ganze Familie, aus Colmberg, das liegt zwischen Rothenburg und Ansbach. Bis ins 18. Jahrhundert habe ich den Stammbaum zurückverfolgt." Er ist wieder verheiratet, sein 24jähriger Sohn Alexander, Billys Halbbruder, schließt in Kürze sein Dirigenten- und Kompositionsstudium in Wien ab und kommt im Winter zu einem Gastdirigat nach Nürnberg. "Ich bin glücklich, daß meine beiden Söhne das tun, was ihnen Spaß macht."

Billy Joel spricht und versteht kaum Deutsch. Daß muß kein Nachteil sein. Aber um sich zu versöhnen, muß man erst wissen, was zu vergessen ist. Als Billy Joel 1987 als erster amerikanischer Rockstar in der Sowjetunion auftrat, war es vermutlich einfacher.