Als Stalin Demokratie befahlSeite 2/5

Als die KPD-Führer ihren demokratischen Aufruf veröffentlichten, waren sie bereits dabei, sich das Kommando über politische Schlüsselpositionen im Nachkriegsdeutschland zu sichern. Bereits am 30. April 1945, Hitler beging an diesem Tag Selbstmord, war eine sowjetische Maschine auf einem kleinen Flugfeld bei Calau, rund siebzig Kilometer westlich von Frankfurt/Oder, gelandet, der zehn deutsche Kommunisten entstiegen, die von Walter Ulbricht angeführt wurden.

Ulbricht, ursprünglich Tischler, seit 1921 hauptamtlicher Funktionär der KPD, sollte es später als Generalsekretär der SED (seit 1950) und Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED (seit 1953) noch zum wohl bestgehaßten Mann Deutschlands bringen. Im Mai 1945 war er 51 Jahre alt und offiziell noch der zweite Mann an der KPD-Spitze. Er galt als hölzern und gefühlsarm; Massen konnte er nicht begeistern, und auch als Theoretiker fehlte ihm jede Brillanz. Freilich war er ein unermüdlicher Arbeiter und ein tüchtiger Administrator mit einem phänomenalen Gedächtnis für Namen und Details.

Einen Tag nach ihrer Landung wurde die "Gruppe Ulbricht" in Autos nach Bruchmühle bei Berlin gefahren, wo sich die Politische Hauptverwaltung der Ersten Bjelorussischen Front, also der sowjetischen Heeresgruppe des Marschalls Georgij Schukow, niedergelassen hatte. Der Leiter dieser Hauptverwaltung, Generalleutnant S. F. Galadschew, war Ulbrichts direkter Vorgesetzter: Die "Gruppe Ulbricht" kam als Hilfsorgan der Roten Armee! Titel wie "Beauftragte des Zentralkomitees der KPD", die in der späteren DDR-Geschichtsschreibung auftauchten, waren frei erfunden; es gab seinerzeit nicht einmal ein funktionierendes Zentralkomitee.

Anfang Mai 1945 hatten die örtlichen sowjetischen Militärkommandanten vielerorts bereits neue Bürgermeister und Landräte eingesetzt. Sie griffen dabei auf Personen zurück, die sich als Antifaschisten oder Kommunisten ausgaben; oder einfach auf Menschen, die ihnen persönlich sympathisch waren. Hier sollten Ulbricht und seine Mannen "Ordnung" schaffen und als erstes für zuverlässige Berliner Bezirksverwaltungen sorgen.

Ulbricht trichterte seinen Leuten ein, sie sollten bloß nicht nur Kommunisten in alle Positionen setzen. Wolfgang Leonhard, damals Mitglied der "Gruppe Ulbricht", gibt dessen Instruktionen wie folgt wieder: "Kommunisten als Bürgermeister können wir nicht brauchen, höchstens im Wedding und in Friedrichshain. Die Bürgermeister sollten in den Arbeiterbezirken in der Regel Sozialdemokraten sein. In den bürgerlichen Vierteln - Zehlendorf, Wilmersdorf, Charlottenburg und so weiter - müssen wir an die Spitze einen bürgerlichen Mann stellen, der früher dem Zentrum, der Demokratischen oder der Deutschen Volkspartei angehört hat. Am besten, wenn er ein Doktor ist."

Allerdings sollten unbedingt der Erste Stellvertretende Bürgermeister mit Entscheidungsbefugnis in Personalfragen, der Dezernent für Volksbildung und der Leiter der neuen Polizei verläßliche Kommunisten sein. Als Maxime gab Ulbricht seinen Leuten auf den Weg: "Es ist doch ganz klar: Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."

Während Ulbricht mit seiner Gruppe die Berliner Bezirksverwaltungen und dann den ersten Berliner Magistrat zusammenstellte, traf am 6. Mai in Stettin eine Gruppe unter Gustav Sobottka ein, einem früheren Bergarbeiter und Gewerkschafter. Der Status von Stettin war zu dieser Zeit noch unklar. Die Alliierten hatten sich zwar darauf verständigt, daß die neue deutsche Ostgrenze entlang der Flüsse Oder und Neiße verlaufen sollte, aber Stettin liegt westlich der Oder. Erst im Juli 1945 wurden auch Stettin und Umgebung offiziell Polen zugeschlagen. Daß die "Gruppe Sobottka" zunächst mit Schwerpunkt in Stettin arbeitete, gehört zu den Details, welche die DDR-Geschichtsschreibung systematisch im dunkeln ließ.

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