Zum Beispiel das Messerbänkchen. Es wurde erfunden, weil es Messer und Tischtücher gibt und das eine das andere nicht beschmutzen sollte. Wenn der Bedarf an Messerbänkchen gedeckt ist, könnte sich ein Markt für Messerbänkchenschoner entwickeln, für die wiederum ein ganzes Sortiment von Pflegemitteln bereitzustellen wäre. Das gleiche gilt für andere Dinge: Für die CD braucht man einen CD-Ständer, für den Pudel ein Pudelshampoo mit Vitalisierungskomplexen, für das Ceran-Kochfeld einen Ceran-Kochfeld-Reiniger mit Spezialklinge.

"Jedes Ding hat seinen Diener", sagt Dagmar Steffen und rückt das Buttermesserchen zurecht. In den Räumen des Deutschen Werkbundes in Frankfurt ist eine Tafel festlich geschmückt. Silberbesteck liegt im Spalier um die Platzteller, drei verschiedene Kristallgläser krönen das Gedeck. Weinkelche, Fischmesser und Serviettenringe demonstrieren Eßkultur. Ein paar Meter weiter steht ein Satz von Sokrates: "Nichts zu bedürfen ist göttlich, möglichst wenig zu bedürfen, kommt der göttlichen Vollkommenheit am nächsten." Dann die Fitneßecke. Ein Mountainbike, Hanteln, glitzernde Trikots, Spezialhandschuhe, isotonische Getränke. "Die Sportartikelindustrie", sagt Martin Krämer, "ist in Deutschland heute wichtiger als die Stahlindustrie."

"Wie viele Dinge braucht der Mensch?" Diese Frage stellten sich Dagmar Steffen und Martin Krämer, Absolventen der Fachhochschule für Gestaltung in Offenbach. Eine Antwort fanden sie nicht, dafür die Idee und Sponsoren für eine Ausstellung, die anregt, über das Inventar unserer Zivilisation nachzudenken.

Laut Statistik besitzt der Bundesbürger im Durchschnitt 10 000 Dinge. "Würde das Wirtschaftswachstum in diesem Tempo weitergehen, so würden unsere Kinder nochmals doppelt, unsere Enkel viermal und unsere Urenkel achtmal so viele Güter zur Verfügung haben." Dieses Zitat des Baseler Sozialwissenschaftlers René Frey hängt unweit einer Kurve des Wirtschaftswachstums, die sich so steil vor dem Besucher aufrichtet wie die Eigernordwand. Und noch ein Beweis für das Wettrüsten der Konsumenten: 1938 hat der Deutsche pro Jahr 8 Kilogramm Textilien verbraucht, 1993 waren es 23 Kilogramm.

Langlebige Produkte, die Müll vermeiden helfen, sind selten geworden. Aber daß Langlebigkeit auch zum Problem werden kann, zeigt ein Photo mit Untertitel: Steht ein älterer Mann mit einem Punker in einem altdeutschen Wohnzimmer und sagt: "Mein Sohn, das wird alles einmal dir gehören."

Manche Dinge sind von staatlich anerkannter Wichtigkeit. Ein Fernseher darf heute nicht mehr gepfändet werden. Auch wird keinem Schuldner mehr zugemutet, sich den Kaffee ohne automatische Hilfe zu brühen. Eine Nähmaschine aber ist pfändbar, weil es - so ein Urteil - heute nicht mehr üblich sei, daß die Hausfrau die Damen- und Kinderbekleidung selbst näht.

Die Folgen des Großverbrauchertums zeigen Graphiken: Trotz Ökokühlschrank und Stromsparwaschmaschine sinkt der Energieverbrauch im Haushalt nicht, trotz Grünem Punkt wird der Müll nicht weniger. Dennoch wollen die beiden Produktgestalter nicht einer Rückkehr ins Baumhaus das Wort reden. Sie halten es mit Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem Schirmherrn ihrer Ausstellung. Der Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie setzt darauf, daß aus einer Kilowattstunde Strom oder aus einem Faß Öl wesentlich mehr "Wohlstand herausgeholt" werden könnte. Auch "Produkt-Sharing" ist ein Vorschlag: Nachbarn nutzen Auto, Videokamera und Waschmaschine gemeinsam.

Eine Gruppe von Studenten hat ihren Versuch "Produktfasten" beschrieben. Sie verzichteten eine Woche lang auf das Auto, auf elektrisches Licht, auf Stühle mit Lehnen. Einer von ihnen schwärmt: "Zum Beispiel das Duschen bei Kerzenlicht. Plötzlich sieht man alles durch goldenes Licht geschönt, der Körper scheint gebräunt, man fühlt sich einfach gesund."

Die Ausstellung ist bis zum 28. Juli 1995 in Frankfurt zu sehen. Weitere Stationen: Stuttgart, Karlsruhe, Erfurt und Saarbrücken