Der Prophet des SchönenSeite 2/2

Aber die Medien beanspruchten, gerade bei Arturo Benedetti Michelangeli, zu viel Anteil an der Botschaft, und der Künstler muß sich dessen bewußt gewesen sein. Trotz der dort jederzeit optimalen Konstellation der Bedingungen ließ er sich nur selten ins Studio verpflichten. Nur begrenzt gab er in Gesprächen und auf "Konferenzen" Auskünfte über das hinter der Fassade Verborgene. Die heute omnipräsente Kamera hielt er sich vom Leibe, scheu, aber auch wohl gewarnt durch die Effekthascherei des TV-Gewerbes, die die Außenwelt bereits für die Innenwelt hält.

Andererseits konnte die Schallplatte und besonders deren jüngste Version, die digitale Compact Disc, Parameter im Klavierspiel Arturo Benedetti Michelangelis aufdecken, die dem Konzertbesucher in Reihe fünfundzwanzig rechts weitgehend verborgen blieben: die Ausgewogenheit des Klanges wie die Differenziertheit vor allem der Dynamik. Wenn Arturo Benedetti Michelangeli für gewöhnlich als subtiler Meister des Pianissimos gefeiert wurde, so hat gerade die Digitaltechnik die ungewöhnliche Spannweite seiner dynamischen Skala auswerten, hat die gelegentlich sogar kalt und brutal wirkenden Fortissimoschläge noch direkter konfrontieren können mit den fast nur noch als zärtlicher Hauch wahrnehmbaren Klangnuancen. Das Rauschhafte zwischen Jazz und Bitonalität, die Lebensfülle in Ravels G-dur-Konzert wie die Todesnähe in dessen Andante-Satz, die Konfrontation von Melodik, Harmonik und Rhythmik in den drei Sätzen des "Gaspard de la nuit": Die nach einem Tantiemen- und Rechte-Streit nicht mehr käufliche Aufnahme ist nicht nur ein Dokument einer überragenden Virtuosität, sondern mit ihr blickt man dem Pianisten direkt auf die Finger, nicht nur durch ein Opernglas. Gewiß wirkt manche Phase in seinen Mozart-, Beethoven-, Chopin- oder Brahms-Aufnahmen merkwürdig monoton durch ihr fast maschinelles gleichbleibendes Metrum. Aber eine jede dieser Aufnahmen enthält auch beglückende Phasen, die allein schon die Investition lohnen.

Im März 1795 unterschied Christian Gottfried Körner in seinem Essay über "Charakterdarstellung in der Musik" in "dem, was wir Seele nennen", etwas "Beharrliches und etwas Vorübergehendes", nämlich den Charakter, das Ethos, und den leidenschaftlichen Zustand, das Pathos. Zur gleichen Zeit sah Schiller in seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" in der affizierenden, dadurch sowohl Sinne wie Gefühle beeinflussenden Macht des Pathos in der Musik zugleich deren Gefahr für die innere Freiheit des Menschen. Unschwer festzustellen, daß Arturo Benedetti Michelangeli mit seinem Klavierspiel seinem Ethos folgte - einer der letzten in der nun schon zweihundert Jahre währenden, aber nun denn doch wohl ihrem Ende entgegengehenden Periode eines Idealismus, der, beispielsweise, in der Kunst noch etwas mehr sah als die schönste Nebensächlichkeit in dieser zweckorientierten Welt.

Arturo Benedetti Michelangeli, geboren am 5. 1. 1920 in Orzinuovi bei Brescia, studierte zunächst Violine, Orgel und Komposition (Diplom des Mailänder Konservatoriums: mit 13 Jahren). Um seine häufigen Konzertabsagen, seine Empfindlichkeit dem Instrument gegenüber wie seine extremen Vorbereitungszeiten rankt sich gar manche köstliche Legende. Das "Kreuz des Großritters", das der Malteser-Orden ihm 1989 nach einem Benefizkonzert für den Ausbau eines neurologischen Zentrums verlieh, gab er letztes Jahr zurück - weil die Bauarbeiten noch nicht einmal begonnen waren. Seine Heimatstadt veranstaltet seit 1965 ein nach ihm benanntes Klavierfestival - der Künstler selber unterrichtete nicht oft, aber gar manches Mal gratis. Arturo Benedetti Michelangeli starb am 11. Juni 1995 in Lugano.

 
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