Manchmal sind es populistische Sprüche, die politische Lücken deutlich machen. Die polemischen Bemerkungen des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder über die Lehrer gehören dazu, Stammtischprosa von der Machart "Alle Politiker sind Gauner" - beifallträchtiger Unsinn. Schröder in einer Schülerzeitung über die Lehrer: "Ihr wißt doch ganz genau, was das für faule Säcke sind."

Hier hat ein Politiker, wie man in seiner Redensart fortfahren könnte, die Sau rausgelassen und es versäumt, sie rechtzeitig wieder einzufangen. Dafür ist er öffentlich von Lehrerverbänden und der Gewerkschaft gerügt worden. Man könnte zur Tagesordnung übergehen, hätte er nicht vielen insgeheim aus dem Herzen gesprochen. Fast jeder kennt den einen oder die andere im Lehrberuf, denen man großen Eifer nicht nachsagen möchte. Und hört man nicht auch gelegentlich den ernsthaft vorgetragenen Einwand, statistisch betrachtet seien die Lehrer letztlich ein unterbeanspruchter und überbezahlter Menschenschlag - ewig in Ferien, Stammgäste im ominösen deutschen Freizeitpark?

Der statistische Lehrer: In Wahrheit repräsentiert er nicht mehr als ein zählebiges Vorurteil, fernab der realen pädagogischen Vielfalt. Welchen Erkenntniswert hat, beispielsweise, die durchaus seriöse Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, wonach 448 676 vollbeschäftigte Lehrer im Jahr 1993 insgesamt 9,4 Millionen Stunden pro Woche Unterricht erteilt haben - außer, daß auf jeden 21 Stunden Unterricht entfielen? Über den Alltag an unseren Schulen berichtet diese Zahl nichts, schon gar nichts darüber, ob dort fleißig gearbeitet wird oder nicht. Um so mehr verstellt die Statistik - wie das Vorurteil, das sich ihrer bedient - den Blick auf die Niederungen einer Schulwelt, in der Überforderung, Frustration und ein neuer Streit um den besten Weg aus der Stagnation vorherrschen.

Das eigentlich Ärgerliche und das Verhängnisvolle an Schröders flapsigen Bemerkungen ist also die Unkenntnis, die sich darin offenbart. Gewiß gibt es unter den Lehrern wahre Urlaubskönige und Freizeitkaiser. Sie sind bei ihren Kollegen freilich nicht beliebter als vergleichbare Privilegienkünstler in anderen Arbeitsbereichen.

Aber wenn die Bildungspolitik der Krise unseres Schulsystems ernsthaft Herr werden will, wenn gar eine neue Reformdiskussion über Inhalte, Methoden und Ziele eines demokratischen Bildungswesens eine Chance haben soll, dann muß sie genauer hinsehen. Vor allem sollte sie sich der Loyalität der besten und engagiertesten Pädagogen versichern, statt diese vor den Kopf zu stoßen. Ohne sie wird es verbesserte Schulen nicht geben. Vorurteilen zu frönen ist nicht nur ungerecht, sondern unklug.

Es stimmt: Die Kassen sind leer, auch die Schulen müssen sparen. Richtig ist auch, daß die Lehrer in Deutschland im internationalen Vergleich nicht nur gut ausgebildet sind, sondern auch gut bezahlt. Ihre Besoldung in Sparkonzepte einzubeziehen ist legitim, die Diskussion über das Zeitbudget der Lehrer gehört dazu. Doch wer die Bewertung der Lehrertätigkeit weitgehend auf die Zahl der Unterrichtsstunden verkürzt, verliert den Blick auf die veränderte pädagogische Aufgabenstellung. Längst sind die Lehrer mehr als nur Lehrende. Für viele Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen sind sie häufig die wichtigste Bezugsperson. Ihre eigentliche Arbeit beginnt dann erst nach dem Unterricht: Sozialarbeit.

So leisten viele Lehrer heute an den unterschiedlichen Schultypen, in verschiedenen Klassenstufen, in allen sozialen Problemgebieten geradezu Übermenschliches, um Kindern in der Schule den Halt zu bieten, der ihnen zu Hause fehlt. Sie bemühen sich, in der Schule Lücken zu füllen, die draußen entstanden sind. Nicht wenige überfordern sich damit. Die Berichte von nervösen Zusammenbrüchen und ernsten Gesundheitskrisen gerade in der engagierten Lehrergeneration über Vierzig sind längst keine Ausnahme mehr. Dort wirkt das Gerede vom faulen Lehrer zynisch.