Jeanne-Claude und Christo Reichstags-Verhüllung

Verweile nicht! Du bist so schön!

Der Künstler. Manchmal, wenn alle anderen durcheinanderwirbeln, kann man mit Christo auch heute noch reden. Wir sitzen auf dem Asphaltboden des Reichstagsgeländes, lehnen uns an den Kombiwagen, mit dem der Trupp zwischendurch über das Territorium der Kunst kurvt, das während der Arbeitstage weiträumig von einem gelben Gitterzaun umstellt ist. Die silbern schimmernden Stoffbahnen um den Turm an der Südwestecke hängen locker herunter, sind noch nicht vertäut; die eine oder andere Windbö bauscht das Gewebe zu einer barocken Wolke, die sich für einen Moment über das bereits gebändigte Faltenwerk der Westfassade schiebt.

Mit dem ausgestreckten Arm und Zeigefinger, seiner kombinierten Entdecker- und Feldherren-Geste, zeigt Christo auf den fast verhüllten Reichstagsbau, an dem die Arbeit wegen des starken Windes gerade unterbrochen werden mußte: "Ich habe ein Gebäude eines Gebäudes gemacht, ein Stück Architektur, keine Attrappe. Und ein Bild. Ein ungeheuer reiches, abstraktes, sich wandelndes Bild. Dazu brauche ich Stoff, das Gewebe eines Materials. Ich liebe die Dynamik dieses Materials, das in der Bewegung zu einem lebenden Objekt wird. Im Wind, in der Bewegung erhält das Gewebe eine malerische Qualität, wie Kaskaden fallen die Stoffbahnen vom Gebäude herunter" - und müssen, weil es zu stürmisch wird, später in der Mitte wieder wie eine Gardine gerafft werden. Nur 28 Stunden verhängte der große orangefarbene Vorhang "Valley Curtain" im August 1972 ein Tal in Colorado, dann riß ein Sturm, der mit neunzig Stundenkilometern daherkam, ihn herunter. Wie ein vom Himmel heruntergefallenes Band zog sich, vom Wind leicht moduliert, 1976 das weiße Nylongewebe des "Running Fence" fast vierzig Kilometer lang durch die sonnenverbrannte Hügellandschaft von Kalifornien. Bewegt von Wind und Wellen lagen 1983 elf mit pinkfarbenem Polypropylengewebe "Umsäumte Inseln" in der Biscayne Bay vor Florida, Seerosen american style. Wegen eines Regensturms mußte im Oktober 1991 das komplizierte Doppelprojekt der "Umbrellas, Japan-USA" um einen Tag verschoben werden.

Der Wind ist eine Konstante in Christos Arbeit. Er verzögert die Fertigstellung des Werkes, vollendet die Ästhetik, verkürzt die Lebensdauer. Je nachdem.

Die Geschichte. Sie wird von den 1200 Helfern, die in der Amtssprache Monitor heißen und in 6-Stunden-Schichten um den Reichstag herum als Wächter und Informanten zugleich tätig sind, auf Zetteln verteilt. Es begann damit, daß Michael S. Cullen, ein Amerikaner in Berlin, 1971 eine Ansichtskarte vom Reichstag an Christo schickte. Pack den Reichstag ein, so der Vorschlag. Warum nicht, so die Antwort. Und die wohl längste Geburtsgeschichte eines Kunstwerks nahm ihren mühseligen Lauf, der nach der dritten Ablehnung, diesmal durch Bundestagspräsident Philipp Jenninger, im Jahr 1987 im Unhappy-End zu kulminieren schien. Da allerdings war das Christo-Projekt schon zu einem Thema der Kunst und auch einem Stück ZEIT-Geschichte geworden.

Im Jahr 1977 hatte das Feuilleton, im Hause selber mit der Stereotype "Das Feuilleton ist immer so schwierig" dekoriert, seinem Ruf mal wieder Ehre gemacht und sich geweigert, bei einer heiter-besinnlichen Anzeigenaktion mitzumimen. Statt dessen wollten wir Kunst für die Kunst und Christo für uns. Als Anzeige. Ein Vorschlag, der von allen Seiten akzeptiert wurde. Christo kam mit drei Ideen nach Hamburg, wir verbrachten einen strammen Abenteuertag mit ihm und seiner Frau Jeanne-Claude, hingen, unter anderem, für eine halbe Stunde in einem Bananennetz am Kran über einem Becken im Hamburger Hafen, hatten die Feuilleton-Werbung fürs Feuilleton. Und konnten ein Jahr später den Verleger Gerd Bucerius begeistern für die Gründung eines "Kuratoriums für Christos Projekt Reichstag", die im April 1978 in Hamburg stattfand. Ernst Hauswedell und Reimar Lüst, Michael Otto und Arend Oetker, Tilmann Buddensieg und Karl Ruhrberg, Marie-Christine Metternich, Heinrich Senfft und Wieland Schmied waren, unter anderen, dabei.

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 veränderte auch die kunstpolitische Situation. Eines der Argumente gegen die Verhüllung des Reichstags, demzufolge eine derart westlich-kapitalistische Kunst-Geste jenseits der Mauer, wo sie ja sichtbar sein würde, nur als reiner Zynismus verstanden werden könne, galt nicht mehr. Das Pro-Argument aber, auch von Christo, dem Flüchtling aus Bulgarien, selber leise präludiert, daß gerade dieses Haus an dieser Stelle (die Stufen des Eingangs der Ost-Fassade endeten direkt auf DDR-Territorium) das Symbol der Trennung von Ost und West und deshalb der einzig wahre Ort für die Verhüllung sei, war mit der Vereinigung null und nichtig geworden. Was nun? Das Projekt, so schien es, war der Wiedervereinigung schönstes Opfer.

In dieser Situation zeigte Christo sich als der wahre Künstler. Und dem ist nämlich, solange er nur seine Kunst machen kann, fast alles egal. Wird die Würde des Reichstagsgebäudes, in dem die schmerzhafte Geschichte der deutschen Demokratie ihren Anfang nahm, verletzt oder nicht? Die deutschen Traumata, so Christo im Gespräch mit André Müller, interessieren ihn überhaupt nicht, müssen ihn auch nicht interessieren, denn er hat seinen Traum. Investiert seine ganze Kraft in die Umsetzung seiner Idee, die Rekrutierung von Befürwortern in der Politik, der Wirtschaft, der Presse. Und gewinnt 1989 in der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth eine engagierte Befürworterin des Projekts (später wird Frau Jeanne-Claude die Vermutung äußern, sie habe das nur getan, um Helmut Kohl zu ärgern). Am 20. Juni 1994 stimmt der Deutsche Bundestag nach zwölfstündiger Debatte für die temporäre Verhüllung des Reichstags: 292 Jastimmen, 223 Neinstimmen, 9 Enthaltungen, eine ungültige Stimme. Daß Gegner wie Befürworter sagten, sie hätten nicht ein Kunsturteil abgegeben, muß dankbar vermerkt werden. Wo kämen wir hin, wenn Politiker über Kunst abstimmen?

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