Zeigen, Verstecken

Über Mode zu sprechen, das ist für Anne Hollander ein sinnliches Vergnügen. Wie eine Praline kostet sie jede Schlinge, jede Schleife, jede Naht und jeden Schlitz. Das Gewicht eines burgunderroten Samtrocks, eine zartgesponnene Spitzenstola oder ein Hermelinkragen, das sind Materialien, die sie immer neu verführen. Die Ausbildung als Kunst-, Musik- und Literaturhistorikerin schützt Anne Hollander nicht vor heftiger Erregung angesichts der Roben auf Gemälden von Velazquez oder Tizian.

Daß sich die Mode und auch die Kunst aus den gleichen sexuellen Energien speisen, diesen Gedanken bezeichnete die Amerikanerin lange Zeit als "mein schmutziges Geheimnis". Jetzt hat sie diesem Gedanken ein Buch gewidmet: "Sex and Suits" (Alfred A. Knopf, New York) beschreibt Mode als Spannungszustand zwischen den Geschlechtern.

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Bis zum 14. Jahrhundert gab es nur Kleider, aber seitdem gibt es Mode. Eine eigensinnige Kraft, die als kollektiver Wille nicht allein den sozialen Verhältnissen entspringt, sondern auch noch ihre eigenen exzentrischen Regeln hat. Während bis zum Spätmittelalter männliche und weibliche Kleidungsstücke einander relativ ähnlich sehen, werden sie plötzlich gegeneinander ausgespielt, auch wenn sie am Ende ein stimmiges Ganzes ergeben.

Zum ersten Mal verlangt "ein neues System westlicher Eleganz" (Hollander) die erstaunliche Manipulation des Torsos durch Polster oder Verengungen. Schönheit kommt dabei immer als Überraschung vor, nicht als Kalkül. Ausdrucksvolle Formen für Kopfschmuck, Ärmel und Schuhe werden erfunden. Die heute so rührend fossil anmutende Ritterrüstung war eine Revolution, denn der enganliegende Plattenpanzer macht den männlichen Körper als funktionale Einheit sichtbar. Die ist seither das Kennzeichen maskuliner Kleidung, während der weibliche Unterleib bis zu Beginn unseres Jahrhunderts unter weiten Röcken verschwindet. Es ist diese Lesbarkeit der männlichen Gestalt, die der Herrenmode ihre Modernität und damit ihre Überlegenheit gegenüber dem antiquierten weiblichen Konzept der Verhüllung und Entblößung verleiht. Am Ende der Entwicklung, die mit den Rüstungsschmieden als den ersten wahren Schneidern begann, steht der Herrenanzug. Eine Uniform, die seit 200 Jahren mit geringfügigen Variationen existiert.

Das schlichte Ensemble aus langer Hose und Jacke wurde im Zuge neoklassischer Orientierung konzipiert. Es basiert auf einem wiederentdeckten anatomischen Ideal - dem heroischen Mann der Antike, dessen harmonische Gestalt auch durch die Ausgrabung von Pompeji und Herculaneum plötzliche Aktualität bekam.

Mit großem Respekt redet und schreibt Hollander über die stumpfe, dunkle Kluft, deren Konstruktion im Laufe der Zeit so gut gebaut war, daß sie schon im 19. Jahrhundert das breite Spektrum männlicher Figuren kleiden konnte: Hundert Jahre vor der Damenoberbekleidung waren in Amerika Herrenanzüge von der Stange erhältlich, die den Unterschied zwischen dem Bauern im Sonntagsstaat und dem Gentleman nivellierten. Während die männliche Kontur seit dem späten 18. Jahrhundert kontinuierlich schrumpft, beherrschen imposante, aber altmodische Ideen die weibliche Erscheinung: Statt auf den Schnitt wird die Emphase der Gestalt auf theatralische Elemente gelegt, begleitet von schwierigem Kopfschmuck, kompliziertem Schuhwerk und umständlichen Accessoires.

Seit dem ersten mittelalterlichen Dekolleté ist die partiell sichtbare Haut ein weibliches Thema, das den Körper jedoch nicht erklären, sondern im Komplott mit der Verhüllung visuelle Verwirrung stiften soll. "Das Spiel von Zeigen und Verstecken, von Erotik und Anstand hat zwar immer eine faszinierende Show geliefert, gleichzeitig aber das feminine Kostüm in den Ruch des Frivolen und der Falschheit gebracht", erklärt Hollander - unter den weiten Röcken bewahrte die Frau ihr Geheimnis, das sie mit den nackten Schultern und Händen preiszugeben versprach.

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