Im Jahre 1942, ich war gerade zehn Jahre alt, errang ich in meiner Provinz den ersten Preis bei den Ludi Juveniles (einem erzwungen freiwilligen Wettbewerb für junge italienische Faschisten - also für jeden jungen Italiener). Ich hatte mit rhetorischem Geschick das Thema behandelt: "Sollen wir sterben für den Ruhm Mussolinis und die ewige Bestimmung Italiens?" Ich äußerte mich bejahend. Ich war ein heller Junge.

Zwei Jahre lang beschossen sich um mich herum SS, Faschisten, Republikaner und Partisanen, und ich lernte, den Kugeln aus dem Wege zu gehen. Es war eine nützliche Übung. Im April 1945 übernahmen die Partisanen in Mailand die Macht. Zwei Tage später kamen sie auch in die kleine Stadt, in der ich damals lebte. Es war ein Moment überschäumender Freude. Der große Platz war gefüllt mit singenden und fahnenschwingenden Menschen, die laut nach Mimo riefen, dem Partisanenführer unseres Gebiets. Mimo, ein ehemaliger Maresciallo der Carabinieri, hatte sich den Anhängern General Badoglios angeschlossen, des Nachfolgers Mussolinis, und bei einem der ersten Gefechte mit Mussolinis verbliebenen Streitkräften hatte er ein Bein verloren. Mimo trat auf den Balkon des Rathauses, bleich, auf seine Krücke gestützt, und versuchte mit einer Hand, die Menge zur Ruhe zu bringen. Ich erwartete eine Rede, denn meine gesamte Kindheit war von den großen historischen Reden Mussolinis geprägt, deren wichtigste Passagen wir in der Schule hatten auswendig lernen müssen. Stille. Mimo sprach mit heiserer Stimme, kaum hörbar. Er sagte: "Bürger, Freunde. Nach so vielen schmerzlichen Opfern . . . jetzt sind wir hier. Ruhm allen, die für die Freiheit gefallen sind." Das war's. Er ging wieder hinein. Die Menge jubelte, die Partisanen erhoben ihre Gewehre und schossen zur Feier des Tages in die Luft. Wir Kinder beeilten uns, die Hülsen aufzusammeln, sehr begehrte Dinge, aber zugleich hatte ich gelernt, daß Redefreiheit auch Freiheit von Rhetorik bedeutet.

Einige Tage später sah ich die ersten amerikanischen Soldaten: Afroamerikaner. Der erste Yankee, dem ich begegnete, war ein schwarzer Mann, Joseph, der mich mit den Wundern von Dick Tracy und Li'l Abner bekannt machte. Seine Comics hatten bunte Bilder und rochen gut. Einer der Offiziere (Major oder Captain Muddy) war in der Villa einer Familie zu Gast, deren zwei Töchter mit mir in die Schule gingen. Ich begegnete ihm in ihrem Garten, wo einige Damen Captain Muddy umringten und in stockendem Französisch auf ihn einredeten. Auch Captain Muddy konnte ein bißchen Französisch. Mein erstes Bild von den amerikanischen Befreiern war daher - nach so vielen Bleichgesichtern in Schwarzhemden - der Anblick eines kultivierten schwarzen Mannes in einer olivgrünen Uniform, der sagte: "Oui, merci beaucoup, Madame, moi aussi j'aime le champagne . . ." Zwar gab es leider keinen Champagner, aber Captain Muddy schenkte mir meinen ersten Streifen Wrigley's Spearmint, und ich kaute den ganzen Tag. Nachts legte ich den Klumpen in ein Glas Wasser, damit er auch am nächsten Tag noch frisch wäre.

Im Mai hörten wir, der Krieg sei vorbei. Der Friede vermittelte mir ein eigenartiges Gefühl. Man hatte mir gesagt, Krieg ohne Ende sei für einen jungen Italiener normal. In den nächsten Monaten entdeckte ich, daß es die Resistenza nicht nur bei uns gegeben hatte, sondern in ganz Europa. Ich lernte neue, erregende Worte wie réseau, maquis, armée secrète, Rote Kapelle, Warschauer Ghetto. Ich sah die ersten Photographien vom Holocaust und begriff seine Bedeutung, bevor ich das Wort zum ersten Mal hörte. Mir wurde klar, wovon man uns befreit hatte.

In meinem Lande fragen sich manche Menschen heute, ob die Resistenza den Verlauf des Krieges militärisch denn wirklich beeinflußt habe. Für meine Generation ist diese Frage völlig irrelevant: Die moralische und psychologische Bedeutung der Resistenza verstanden wir sofort. Wir empfanden Stolz in dem Wissen, daß wir Europäer nicht passiv auf die Befreiung gewartet hatten. Und für die jungen Amerikaner, die mit ihrem Blut für die Wiederherstellung unserer Freiheit zahlten, war es auch nicht ohne Bedeutung, daß es jenseits der Gefechtslinien Europäer gab, die ihre Schulden im voraus abzahlten. In meinem Lande sagen Menschen heute, der Mythos der Resistenza sei eine kommunistische Lüge gewesen. Es stimmt, daß die Kommunisten die Resistenza ausbeuteten, als sei sie ihr persönliches Eigentum - sie hatten die größte Rolle in ihr gespielt; aber ich erinnere mich an Partisanen mit verschiedenfarbigen Armbinden.

Dicht ans Radio gedrückt, lauschte ich nachts - bei geschlossenen Fenstern, in der Verdunkelung leuchtete einsam eine kleine Höhle um das Gerät - den Botschaften, die die Voice of London für die Partisanen ausstrahlte. Sie waren geheimnisvoll und poetisch zugleich ("Die Sonne geht wieder auf", "Die Rosen werden blühen"), und die meisten waren "messaggi per la Franchi". Jemand flüsterte mir zu, Franchi sei der Führer des stärksten Untergrundnetzes in Nordwestitalien, ein Mann von legendärer Tapferkeit. Franchi wurde mein Held. Franchi (sein wirklicher Name war Edgardo Sogno) war ein Monarchist, so entschieden antikommunistisch, daß er sich nach dem Krieg rechten Gruppen anschloß und angeklagt wurde, er habe sich an der Vorbereitung eines reaktionären Staatsstreiches beteiligt. Wen kümmert es? Sogno ist noch immer der Traumheld meiner Kindheit. Die Befreiung war die gemeinsame Tat von Menschen, die unter verschiedenen Fahnen kämpften.

In meinem Lande sagen einige Menschen heute, der Befreiungskrieg sei eine tragische Zeit der Spaltung gewesen, und wir bedürften der nationalen Versöhnung. Die Erinnerung an diese schrecklichen Jahre müsse unterdrückt werden, refoulée, verdrängt. Aber aus Verdrängung entstehen Neurosen. Versöhnung mag Mitleid bedeuten und Respekt für alle, die aufrichtig ihren eigenen Krieg kämpften, aber Vergeben ist nicht Vergessen. Ich könnte sogar Eichmann zugestehen, daß er allen Ernstes an seine Mission glaubte, aber ich kann nicht sagen: "Also gut, komm zurück, und tu es noch mal."