Was nützt mir all mein Geist?

von Peter Buerger

Daß die Rede von der Postmoderne nicht etwa das Ende der Moderne, sondern deren Orientierungslosigkeit anzeigt, darüber besteht inzwischen Einigkeit. Strittig ist einzig die Frage, wie man sich dazu stellt: Ob man sich in dieser Situation einrichtet, sie gar als Befreiung vom Dogmatismus der Moderne feiert, oder ob man weiterhin nach Orientierungen sucht - und das heißt, sich Gedanken über Zustand und Entwicklung der Gesellschaft macht, in der wir leben. Wer der zweiten Ansicht zuneigt, der wird nach Gestalten Ausschau halten, die ihm hilfreich sein können.

Paul Valéry, dessen Todestag sich am 20. Juli zum fünfzigsten Male jährt, ist eine von ihnen. Nie waren die Bedingungen für eine umfassende Aneignung des französischen Essayisten günstiger als heute. Zum einen ist sein Öeuvre jetzt in guten deutschen Übersetzungen zugänglich; zum anderen könnte sein Denken ein Gegengift sein gegen modisches neues Raunen von Schicksalsmächten und herbeigesehntem Unheil.

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Trotz der Bemühungen von Walter Benjamin und Ernst Robert Curtius mißlang die deutsche Valéry-Rezeption in den zwanziger Jahren, weil dessen Analyse der "Krise des Geistes" von 1919 etwas ganz anderes meinte als Oswald Spenglers gleichzeitig erschienener "Untergang des Abendlandes". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aus Frankreich zuerst der Existentialismus Sartres und Camus', danach der Strukturalismus und schließlich, wenn auch widerstrebend, der Poststrukturalismus rezipiert. Obwohl Sartre Valéry weit mehr verdankt, als Zitate erkennen lassen, obwohl das strukturalistische Plädoyer für eine rationale Analyse von Texten in mancher Hinsicht an Valérys Poetik anknüpft und obwohl das poststrukturalistische Thema vom Verschwinden des Subjekts recht eigentlich ein Valéry-Thema ist, waren die Berührungspunkte zu verborgen, um eine breite Wertschätzung Valérys einzuleiten.

Freilich darf man auch nicht verhehlen, daß es Vorurteile gibt, die den Zugang zu seinen Texten noch immer verstellen. Gerade weil sie nicht einfach falsch sind, halten sie sich hartnäckig. Einem dieser Vorurteile zufolge wäre Valéry vor allem ein großer Dichter. Richtig ist, daß er, der in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Zirkel um Mallarmé verkehrt und damals auch eine Anzahl symbolistischer Gedichte geschrieben hat, seinen Ruhm zunächst den 1917 veröffentlichten, an Mallarmé anknüpfenden langen Poem "Die junge Parze" verdankt sowie einer wenige Jahre später erschienenen Gedichtsammlung, "Charmes". Valéry selbst hat seinem Ruhm als Dichter stets distanziert gegenübergestanden. Für ihn ist das "Machen" von Gedichten vor allem eine geistige Übung, bei der es darum geht, Klang und Sinn in ein Verhältnis der Balance zu bringen. Nicht das Resultat, das Gedicht, interessiert ihn, sondern die Beobachtung des eigenen Geistes während des Entstehungsprozesses. Klug hat er nach "Charmes" keine weitere Gedichtsammlung mehr publiziert.

Ein anderes Vorurteil betrifft Valérys Verhältnis zum Protagonisten seiner 1896 erschienenen Erzählung "Ein Abend bei Herrn Teste", die den Nur-Denker schildert, der so sehr Herr seiner selbst ist, daß er alles Persönliche an sich ausgelöscht, "die Marionette getötet" hat. Dieser Text, von dem der Surrealist und Valéry-Antipode André Breton gesteht, er habe ihn in seiner Jugend auswendig gekonnt, hat ein eigentümliches Mißverständnis hervorgebracht. Da Monsieur Teste darauf verzichtet, die Resultate seiner ungeheuren Denkkraft festzuhalten (sein Werk ist ein ausschließlich virtuelles) und Valéry selbst nach der Veröffentlichung dieser Erzählung fast zwanzig Jahre so gut wie nichts mehr publiziert hat, lag es nahe, ihn mit seiner Figur gleichzusetzen. Dieser Fehlschluß, dem keineswegs nur Breton erlag, hatte zur Folge, daß Valéry lange für einen Denker gehalten wurde, der sich in den endlosen Schleifen des Selbstbewußtseins verliert. Sicherlich ist Teste eine von Valérys Möglichkeiten. Aber eben nur eine.

Man kann diesem Autor nur dann einigermaßen gerecht werden, wenn man ihn in seinen Widersprüchen betrachtet. Valéry selbst hat von sich einmal gesagt, er sei mit 25 Jahren ein Tristan Tzara gewesen, also eine Art Vorläufer des Dadaismus, der von der Zerstörung der Literatur träumt. Das klingt unglaubwürdig, wenn man an den Verfasser formvollendeter symbolistischer Gedichte denkt, und trifft doch zu. Es gibt gute Gründe für die Verehrung, die der junge André Breton lange Zeit für Valéry gehabt hat.

Als Valéry jedoch Anfang der zwanziger Jahre gezwungen ist, von seiner Schriftstellerei zu leben (vorher hat er die Stelle eines Privatsekretärs bekleidet), wird er in der Tat bald zum anerkannten Repräsentanten der französischen Kultur, der bei offiziellen und halboffiziellen Anlässen Vorträge hält, den man um ein Vorwort bittet und der, da er zur Gruppe um die einflußreiche Nouvelle Revue Française gehört, bereits 1927 in die Académie Française aufgenommen wird (Breton verkauft daraufh in die Briefe, die Valéry ihm geschrieben hat. Dieser versteht die Geste und notiert nicht ohne Bitterkeit: "Man erweist mir die Ehre, mich als Toten zu behandeln.").

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