"Wozu noch Welt?"

von Willi Jasper

Am 10. Dezember 1939 erließ Friedrich Übelhör, der deutsche Regierungspräsident von Kalisz, einen Geheimbefehl zur Errichtung eines jüdischen Ghettos in der polnischen Industriestadt Lodz, der die Massenvernichtung bereits im Blick hatte: "Die Erstellung des Ghettos ist selbstverständlich nur eine Übergangsmaßnahme . . . Endziel muß jedenfalls sein, daß wir diese Pestbeule restlos ausbrennen." Lodz - zu Ehren eines Nazigenerals umbenannt in Litzmannstadt - sollte als Teil des neugegründeten Reichsgaus "Wartheland" so schnell wie möglich "judenfrei" werden.

Dieses Ziel war im August 1944 erreicht. Mit den letzten Deportationen nach Chelmno und Auschwitz wurde das Ghetto aufgelöst. Aus der im Auftrag des umstrittenen "Judenältesten" Mordechai Chaim Rumkowski erstellten Chronik kennt man die traurige "Sozialstatistik" der vier Ghettojahre. Anfangs waren fast 200 000 Menschen - unter ihnen auch einige 10 000 Deportierte aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Luxemburg - gezwungen, auf einem Gebiet von vier Quadratkilometern, von denen nur etwas mehr als die Hälfte bebaut war, zusammenzuleben. 45 705 Personen - 21 Prozent der Ghettobewohner - starben an Hunger, Kälte und Krankheiten.

Anzeige

Obwohl die etwa 2000 Schreibmaschinenseiten umfassende Chronik wichtiges authentisches Material über nahezu sämtliche Lebensbereiche im Ghetto enthält, gibt sie nicht dessen tatsächliche Geschichte wieder. Zur Schilderung der wahren Ghettogeschichte(n) bedarf es, so Emmanuel Ringelblum, einer "Feder des bebenden Herzens". Oskar Rosenfeld, einer der offiziellen Chronisten, hat parallel zu seinem Broterwerb in der "Statistischen Abteilung" des Judenrates ein privates Tagebuch über den lebendigen Ghettoalltag geführt. Seine in 21 Heften notierten Aufzeichnungen sind auf wundersame Weise erhalten geblieben und wurden 1973 dem Archiv der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem übergeben. In einer geringfügig gekürzten Fassung hat Hanno Loewy die Texte nun verdienstvollerweise dem deutschen Leser zugänglich gemacht.

Der Herausgeber charakterisiert Rosenfelds Sprache als authentische "Verbindung von Schrecken und Dauer", die sich jener "Normalität und Monstrosität" annähere, die das Ghetto gekennzeichnet habe. Es öffnet sich ein Mikrokosmos von persönlichen Bekenntnissen, Entwürfen und literarischen Skizzen, von Bemühungen um kulturelles, soziales und religiöses Leben, von dem Kampf um die Bewahrung menschlicher Würde und ihrer fortwährenden Zerstörung.

Die Aufzeichnungen beginnen am 17. Februar 1942. Am Anfang war der Hunger: "Um des Brotes willen wird man zum Heuchler, Fanatiker, Übertreiber, nichtwürdigen Elenden. Gib mir Brot und Du bist mein Freund. Hunger und Nichtstun gehören hier zusammen." Es grenzt an ein Wunder, daß Menschen, die täglich von ein bis zwei Näpfen Wassersuppe mit Kartoffelschalen und einem Stück Brot leben mußten und zusätzlich geschwächt waren durch schwere Zwangsarbeit, die Energie aufbrachten, gesellschaftliches Leben zu organisieren.

Rosenfeld berichtet nicht nur vom Terror der Deutschen und der Mißgunst der Polen, sondern auch von unbeschwerten Kabarett- und Cafébesuchen - und mit Erschrecken über Abstumpfungen: "Man scherte sich nicht um die Leichen. Heiterkeit, Lachen, Trällern aus purer Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal wurde nicht gehemmt durch den toten oder sterbenden Nachbarn." Das Tagebuch registriert eine verzweifelt aufrechterhaltene Normalität und analysiert das immunologische System.

Oskar Rosenfeld, der westlich geprägte Großstadtintellektuelle, promovierte Literaturwissenschaftler, Theaterintendant und Publizist aus Wien, wird - auch wenn er es nicht will - "in existentiell gefährdender Weise" in die ressentimentgeladenen Konflikte zwischen den alten und neuen Ghettobewohnern, zwischen west- und osteuropäischen Juden hineingezogen: "Debatte schwer, man kommt sich nicht näher trotz jüdischer Seele." Im September 1942 notiert er: "Unglück: deutsche Bildung. Hinneigung zu Aschkenes Kultur. Goethe, Spinoza." Und am 20. Oktober 1942, am gleichen Tag, als Rosenfeld in seiner offiziellen Funktion als Chronist die Bilanz des Todes für 1942 erstellen muß ("Im März starben 2.244 - 1.411 Männer, 833 Frauen - pro Tag 72 Menschen, pro Stunde 3 Menschen"), schreibt er in sein privates Tagebuch: "Lese Schiller. Friere im Amt. Kälte, Fieber." Die Verehrung der Weimarer Klassiker hatte nicht nur eine festverwurzelte Tradition im deutschen Judentum, selbst in der ostjüdischen Ghettoliteratur gegen Ende des 19. Jahrhunderts findet man die Spuren von Goethe und Schiller. "Faust und Hiob", das bedeutete auch für Oskar Rosenfeld "Judentum und exemplarisches Menschsein".

Vorübergehend wird sein psychischer Zufluchtsort die Arbeit an dem Entwurf einer "Kulturgeschichte des Ghettos". Der Blick löst sich vom täglichen Grauen und versucht noch 1943, der Zwangsinternierung positive Züge abzugewinnen: "Die Bedeutung besteht darin, daß zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit eine Gemeinschaft unter Zwang das und das geleistet hat. Aus sich selbst heraus Erfindungsgeist. Mut und Glaube an sich selbst - eine Robinsonade des Festlandes. Der Begriff ,Ghetto` hat einen neuen Inhalt bekommen." Doch dann, als die Deutschen die Ghettokinder deportieren, zerbricht Rosenfelds Illusion der Normalität: "Wenn so etwas möglich war, was gibt es dann noch? Wozu noch Krieg? Wozu noch Hunger? Wozu noch Welt?" Die letzte datierte Eintragung ins Tagebuch stammt vom 28. Juli 1944, kurz vor Rosenfelds eigener Deportierung in das Gas von Auschwitz: "Man steht vor Weltuntergang oder Erlösung."

Oskar Rosenfeld:

Wozu noch Welt?

Aufzeichnungen aus dem Ghetto Lodz;

herausgegeben von Hanno Loewy; Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1994;

323 S., 48,- DM

Zur Startseite
 
  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Schlagworte Brot | Judentum | Tagebuch | Luxemburg | Polen | Tschechoslowakei
Service