Der ideale Ort, um in Japan einen Verbraucherboykott gegen französische Produkte zu starten, heißt Ikebukuro. Das erst vor kurzem fertiggestellte, supermoderne Einkaufszentrum in Tokios Norden symbolisiert Japans Traum vom urbanen Leben: Leise gluckernde Wasserspiele und sanft surrende Glasfahrstühle begleiten den Kunden auf seinem Gang durch Hunderte von glitzernden Kaufhausboutiquen. Mit Kinos und Museen wird hier die junge Generation ins Einkaufsparadies gelockt. Nirgendwo sonst ist das internationale Warenangebot in Japan so breit wie in Ikebukuro - und gerade deshalb lohnt sich der Protest.

Big Camera, eine führende Kaufhauskette für Kameras, Uhren, Taschen und Krawatten, gibt die Losung an: "Wir sind gegen Atomtests. Bitte machen auch Sie beim Boykott französischer Produkte mit!" steht auf einer Tafel am Eingang. Ähnliche Schilder hängen über den Warenregalen im ganzen Haus aus. Wer trotzdem noch nach einer Yves-Saint-Laurent-Krawatte greift, findet das Preisschild nicht mehr. "Kunden, die nach dem Preis französischer Waren fragen, verweisen wir auf unsere Meinung zu den Atomtests", erläutert Boykottmanager Toshinobu Kawabata. Er versichert, daß die Aktion in Ikebukuro bisher auf hervorragende Resonanz bei den Kunden stoße und nun auf andere Geschäfte ausgeweitet werde. Bereits in den ersten Tagen des Boykotts sei der Umsatz französischer Produkte um dreißig Prozent gesunken - nicht unwesentlich, da Big Camera immerhin Waren aus Frankreich im Wert von annähernd acht Millionen Mark pro Jahr umsetzte.

Die Boykottmeldung von Big Camera macht in aller Welt Schlagzeilen. In Australien und Neuseeland, wo der französische Warenboykott in den vergangenen Wochen zur Bürgerpflicht geworden ist, löste die Nachricht Jubel aus. Schließlich schloß sich erstmals eine bekannte japanische Handelskette dem Protest an. Auslöser des japanischen Protests sind australische Boykotteure. Ihr Ansinnen liegt auf der Hand: Allein würde der französische Warenboykott in den südpazifischen Staaten weder genügend Aufsehen erregen noch den nötigen Druck erzeugen können. Und in Europa haben zumindest die Regierungen eine Boykottbeteiligung bereits abgelehnt.

In Japan könnte sich daher der Erfolg der Kampagne entscheiden. Eine Boykottentscheidung der zweitgrößten Wirtschaftsmacht wäre nicht nur eine handelspolitische Sensation, sondern würde auch wirtschaftlich zu Buche schlagen. Immerhin belaufen sich die französischen Exporte nach Japan derzeit auf jährlich über sieben Milliarden Mark. Tendenz stark steigend. Prestige-Unternehmen wie der Luxusartikelhersteller LVMH Moet Hennessy-Louis Vuitton oder der Cognac-Fabrikant Remy-Cointreau halten in Japan bedeutende Marktanteile und bekamen ihre Abhängigkeit schon vergangene Woche zu spüren.

Plötzlich wurde aus dem harmlosen Boykottspiel in der Südsee für die betroffenen Pariser Manager bitterer Ernst. In Paris fiel vorübergehend der Börsenkurs von LVMH um 24 auf 889 Franc, und die Remy-Cointreau-Aktie sackte auf einen Jahrestiefstand von 138 Franc. Verantwortlich war die Tokioter Politik. Nacheinander hatten sich Oppositionsführer Toshiki Kaifu und der Vorsitzende der Pionier-Partei, Masayoshi Takemura, für einen Boykott französischer Waren ausgesprochen. Takemura, der als Finanzminister auch die internationale Wirtschaftspolitik Tokios lenkt, ließ keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit: "Ich werde den Boykott gegen französische Produkte anführen", versprach Takemura.

Da wurde der Pariser Regierung mulmig: "Wir vertrauten in die Fähigkeit des japanischen Verbrauchers, der die Qualität französischer Erzeugnisse zu würdigen weiß", erklärte ein Sprecher des Außenministeriums. Währenddessen qualifizierten französische Diplomaten in Tokio die Lage erstmals als "besorgniserregend". In Paris hatte Präsident Jacques Chirac, der ein intimer Japan-Kenner ist, vermutlich aus vielen Ländern Protest erwartet, aber wahrscheinlich zuletzt aus Japan. Galt nicht gerade die japanische Politik als ausgesprochen wirtschaftshörig? Und waren Japans Verbraucher nicht jahrzehntelang von Großunternehmen diszipliniert worden, die für ihre Produkte zu Hause viel mehr als im Ausland verlangten?

Cognacfreie Zonen in Hamburg und Champagner-Boykott in Dänemark - kaum einen Franzosen konnten solche Nachrichten aus dem protestantischen Norden überraschen. In Japan aber lagen die Dinge anders: Dort war der in Hamburg populäre und in Paris verabscheute Begriff der Political Correctness bisher schlicht unbekannt. Statt dessen glaubten sich viele Franzosen vor allem im ästhetischen Geschmacksempfinden den Japanern sehr nah. Seit wann eignen sich schon die Freunde französischer Delikatessen und Designermode für einen Warenboykott?

Eine Antwort liegt im Alter der japanischen Frankreich-Fans. Die meisten von ihnen sind jung und verbringen mit reichlich Taschengeld eine Studienzeit, in der sie vor dem Eintritt in Firma und Familienleben außerordentliche Freiheiten genießen. So eignen sich diese Lebensjahre prima für einen Air-France-Ausflug nach Paris. Zu Hause trägt man dann die obligatorischen Louis-Vuitton-Taschen und hat gelernt, mit Freunden französischen Wein zu trinken. Es ist der jungen Generation zugute zu halten, daß sie für japanische Verhältnisse überhaupt die erste ist, die außer von Sake und Bier auch etwas von Wein versteht. Aber so genau - ob Bordeaux oder Chianti - nehmen es viele dann doch nicht. Weil es Ersatzprodukte gibt, hat der Boykott eine Chance.

Gleichzeitig zählen die Studenten zu einer neuen Verbrauchergeneration, die an den Fundamenten der japanischen Wirtschaft rüttelt. Statt wie ihre Eltern horrende Herstellerpreise der japanischen Markenanbieter zu zahlen, machen sich die jungen Leute auf die Suche nach Sonderangeboten und billigen Importen. Aggressive Preiswettbewerber wie Big Camera sind diesen wählerischen Kunden in den letzten Jahren entgegengekommen - auf Kosten des gesamten Preisniveaus. Deflation heißt das von der japanischen Regierung vielbejammerte Verbraucherverhalten. Welche weiteren Risiken auftauchen, wenn Japans Konsumenten neues Selbstbewußtsein entwickeln, könnte nun die französische Regierung erfahren. Denn die Opposition zu Atomtests im Pazifik ist in Japan nun einmal Konsens.

Zwar gibt es immer noch gute Gründe, weshalb ein breiterer Boykott französischer Waren in Japan nach wie vor unwahrscheinlich erscheint. Weder die politischen Parteien noch die Verbraucherbewegungen verfügen über eigene Erfahrungen in der Organisation eines solchen Bürgerprotests. Nicht einmal der weltweit erfolgreiche Nestlé-Boykott hatte seinerzeit in Japan angeschlagen. Andererseits sind die Erfahrungen der siebziger und achtziger Jahre, als viele Japaner ihre Interessen noch mit den Exporterfolgen der Großkonzerne identifizierten, für das heutige Konsumentenverhalten kaum mehr maßgeblich.

Vielleicht traf also Toshiki Kaifu, der Vorsitzende der oppositionellen Neuen Fortschrittspartei (NFP), die Stimmung des Volkes, als er in einer Wahlkampfrede als erster Spitzenpolitiker den Frankreich-Boykott einforderte: "Seit der Ankündigung der Atomtests trage ich keine französische Krawatte mehr", bekannte sich Kaifu und forderte die Wähler auf: "Kaufen auch Sie einfach keine französische Ware mehr!"

Es ist nicht auszuschließen, daß einige Japaner schon am vergangenen Sonntag diesem Aufruf zustimmten: Bei den an diesem Tag stattfindenden Wahlen zum Tokioter Oberhaus löste Kaifus NFP erstmals seit vierzig Jahren die regierenden Liberaldemokraten als stärkste Partei ab.

Siehe auch Seiten 23 und 24