Seine Dramen "Frühlings Erwachen" und "Lulu" waren noch nicht aufgeführt, und daß er einmal für den Simplicissimus schreiben und seine Lieder und Balladen im Kabarett der "Elf Scharfrichter" vortragen würde, war auch noch nicht abzusehen. Als Frank Wedekind 1886 in den Dienst von Julius Maggi trat und in dessen aufstrebendem Schweizer Unternehmen die Leitung des Reklame- und Pressebüros übernahm, war der Sohn aus gutem Hause gerade 22 Jahre alt und in finanziellen Nöten: Nachdem er seinem Vater gestanden hatte, daß er das Jurastudium zugunsten häufiger Theater-, Museums- und Konzertbesuche vernachlässigt habe, hatte der ihm jede finanzielle Unterstützung entzogen.

Es begann "Frank Wedekinds Maggi-Zeit" - so auch der Titel einer Ausstellung im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf (bis zum 27. August) und eines im Darmstädter Verlag Jürgen Häusser erschienenen umfangreichen Begleitbuches (274 Seiten, 48 Mark).

Mit Originalhandschriften aus dem Wedekind-Archiv, historischen Werbemitteln der Maggi-Werke und Leihgaben eines Maggi-Sammlers dokumentiert die Ausstellung nicht nur ein wenig bekanntes Kapitel in der Laufbahn des Dramatikers, Lyrikers und Erzählers, sondern auch die Anfänge der Werbung. Daß Hinweise auf Krieg, Seuchen, Drogensucht in der Werbung keineswegs neu und keine Benetton-Erfindung sind, belegt Wedekinds Maggi-Lyrik und -Prosa. Mal beginnt einer seiner Reklametexte mit der Schilderung der Morphiumsucht, mal mit dem Hinweis auf die Hungerseuche, und in seinem Gedicht "Vater und Sohn" sind nicht nur autobiographische Bezüge festzustellen: "Vater, mein Vater! / Ich werde nicht Soldat, / Dieweil man bei der Infantrie / Nicht Maggi-Suppen hat! // Söhnchen, mein Söhnchen! / Kommst du erst zu den Truppen, / So ißt man dort auch längst nur Maggi's / Fleischconservensuppen."

"Vortrefflich!" urteilte Julius Maggi nach der Lektüre und versah auch andere Verse und Prosa seines Angestellten mit handschriftlichen Anmerkungen wie "Recht praktisch!", "Famos!", "Mäßig" oder "Gut für ein ernsthaftes Philisterblatt". "Recht für den Leierkasten" erschienen Maggi dagegen Wedekind-Reime wie: "Was dem Einen fehlt, das findet / In dem Andern sich bereit; / Wo sich Mann und Weib verbindet / Keimen Glück und Seligkeit // Alles Wohl beruht auf Paarung; / Wie dem Leben Poesie / Fehle Maggi's Suppen-Nahrung / Maggi's Speise-Würze nie!"

Zwar sind Gedichte in Wedekinds Maggi-Öuvre eher die Ausnahme, doch auch in der von ihm verfaßten Werbeprosa arbeitet der künftige Dramatiker mit subversivem Überschwang. Populäre Moralsprüche werden zitiert und auf die Spitze getrieben, bürgerliche Lebensideale und Rollenbilder beschworen und in der Übertreibung lächerlich - was dem Auftraggeber der Werbetexte offenbar entging. Ihm gefiel, wenn der 22jährige Wedekind schrieb: "Die deutsche Hausfrau ist das Ideal unter den Hausfrauen. Die Französin ist bekanntlich kokett, die Engländerin langweilig und die Amerikanerin anspruchsvoll. Dabei besitzt keine von ihnen die Seelen-Tiefe des deutschen Weibes."

Damit das Triviale und das Erhabene, der Volksmund und das Dichterwort gleichermaßen vertreten waren, ließ sich Wedekind gern auch von Goethe, Schiller oder Heine inspirieren. "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin?" zitiert er am Anfang eines Werbetextes und nennt schließlich den Grund der Traurigkeit: "An einem Schaufenster bin ich vorbei gegangen und habe Maggi's Bouillon-Extract und Maggi's Suppen-Nahrung gesehen. Beides hatt' ich oft rühmen hören; aber Zeit und Geld fehlten mir augenblicklich. - O, mir kann geholfen werden!" Und weil nicht erst seit heute Produkte wie Rettungsringe für alle Lebenslagen angepriesen werden, konnte auch schon Wedekind Maggi als Retter propagieren - zum Beispiel für bedrohte Ehen, zerrüttete Familien. "Die entsetzlichsten Schrecknisse des menschlichen Lebens sind die Folgen einer zerrütteten Familie."

Frank Wedekind verfaßte mehr als 160 Werbetexte und Annoncen für die kochfertige Suppe und die Würze aus der braunen Flasche. Zwar gab der Literat schon im April 1887 seine Stelle als Reklame- und Pressebüroleiter wieder auf, doch als freier Texter blieb er dem Unternehmen in Kempttal bei Zürich zunächst erhalten. "Beiliegend gestatte ich mir, Ihnen für's erste 12 Reclamen zu übersenden. In Zukunft hoffe ich es jede Woche auf 12 oder 18 Stück zu bringen. Es wurde mir nicht leicht, mich wieder in diese Schreibweise hineinzufinden", teilt er Julius Maggi am 13. April 1887 mit und sendet ihm eine Woche später "wieder 12 zehnzeilige Reclamen."