Kredit ohne Wiederkehr

Miami, April 1995: In der deutschen Kolonie im sonnigen Miami/Florida kennt jeder den Grafen. Bei Heidi zum Beispiel, der Wirtin vom "Old Heidelberg", kam er immer mit einem Rolls-Royce vorgefahren, um Frikadellenbrötchen zu kaufen. Wolfgang Graf von Schlieffen, ein adoptierter Adliger und das schwarze Schaf seiner Familie, war im Frühjahr 1991 nach Miami gezogen und hielt dort zwei Jahre lang hof. Vierzehn Millionen Mark hatte der Graf im Gepäck, zehn davon eine Leihgabe der ostdeutschen Stadt- und Saalkreissparkasse Halle.

Helmut Groebe, der Wirt vom "Treffpunkt Biergarten" in Miami, war der letzte, der den Grafen gesehen hat, bevor er verhaftet wurde. "Der hat hier den ganz großen Macker gespielt", erzählt er. "Dem war ja nichts gut genug."

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Mit dieser Haltung wird er im Gefängnis von Miami nicht weit kommen. Dort sitzt der Graf schon seit zwei Jahren mit Häftlingsnummer 46881-004. Aus dem windig-verträumten Spekulanten, der zuletzt das große Geld mit dem Verkauf von mexikanischen Babywindeln nach Peru machen wollte, ist ein Betrogener geworden. Dem Grafen wurde ein Drogendeal angehängt. Die Millionen aus Halle haben ihm kein Glück gebracht.

Dallas, April 1995: Auch Thor Kirsten Tjoentveit, ein gebürtiger Norweger mit amerikanischem Paß, hat von der Sparkasse Halle im Herbst 1990 einen Kredit bekommen, über fast siebzig Millionen Mark. Doch auf die Arbeitsplätze, die Tjoentveit mit seinem Flugfracht- und Wartungsgeschäft schaffen wollte, wartet man in Halle und auf dem Leipziger Flughafen bis heute vergeblich. Thor Kirsten Tjoentveit denkt nicht daran, auch nur einen Pfennig seines Kredites zurückzuzahlen. "Ich habe gar nichts mehr", behauptet er.

Knapp fünf Jahre ist es her, daß die Stadt- und Saalkreissparkasse Halle einen unfreiwilligen Rekord aufstellte. Wenige Monate nach der Währungsunion hat das Geldinstitut den bis dahin größten Bankenskandal der Nachkriegsgeschichte hingelegt. Ostdeutsche Sparkassenangestellte, die den Tücken und Risiken des Geldgeschäftes völlig unerfahren gegenüberstanden, verliehen aus den Spareinlagen fast 700 Millionen Mark an rund siebzig westdeutsche Kreditnehmer. Zwölf Wochen nur dauerte der Spuk, dann merkte man in Halle, daß man das Geld zu freizügig herausgegeben hatte. Viele der Kredite waren faul. Die Sparkasse mußte schließlich 434 Millionen Mark als Verlust verbuchen.

Doch Geld verschwindet nicht. Die Millionen von Halle sind immer noch in Umlauf. Seit fünf Jahren wandern sie von Konto zu Konto. Das Geld wurde in Dutzende von Unternehmen investiert und reinvestiert oder auch einfach verjubelt. Einige Kreditbetrüger von damals sitzen heute im Gefängnis, andere blieben von den Gerichten unbehelligt, haben heute aber keinen Pfennig mehr. So mancher clevere Glücksritter wurde von noch clevereren Finanzjongleuren ausgenommen. Die Spur der Millionen führt von Halle nach Miami, nach Dallas, nach London und nach Luxemburg, nach München, Frankfurt und nach Spanien. Fünf Jahre, nachdem einer der brisantesten Fälle deutsch-deutscher Vereinigungskriminalität aufgedeckt wurde, liegt die Vermutung nahe, daß Verbrechen sich doch lohnen kann.

Teutschenthal, Mai 1995: In dem kleinen Dorf fünfzehn Kilometer westlich von Halle haben die Gebäude die gleiche grau-stumpfe Putzfassade wie vor fünf Jahren. Und auch für Dietmar Simon, den Leiter der einstigen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Lenin, hat sich seit dem Herbst 1990 wenig geändert. Er wickelt ab. Dabei hatte nach der Währungsunion die Zukunft so verheißungsvoll begonnen. Geschäftsleute aus dem Westen hatten bei Simon vorgesprochen und Konzepte auf den Tisch gelegt, wie die LPG vor der Pleite gerettet werden könne. Dietmar Simon erinnert sich noch gut an den Tag, an dem Wolfgang Graf von Schlieffen in sein Büro schneite und ihm eine goldene Visitenkarte überreichte: "Der kam herein, stattlich und von imposantem Auftreten, und fragte kurz und knapp: Was soll die LPG denn kosten?"

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    • Quelle DIE ZEIT, 31/1995
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