Riesige Lauscher am Himmel

von Anatol Johansen

Große Ohren machen bedeutet im Deutschen neugierig sein. Dieses sprachliche Bild haben die Amerikaner in den vergangenen Jahren wörtlich genommen: Ihren elektronischen Spionagesatelliten verpaßten sie "Ohren" mit gigantischen Ausmaßen.

Dies wurde jetzt klar, als das Pentagon einige Himmelsspione aus der Geheimhaltung herausnahm. Wie die französische Fachzeitschrift Air & Cosmos berichtet, haben die Amerikaner 1994 und 1995 drei Aufklärungssatelliten des Typs Jeroboam gestartet. Die mehr als vier Tonnen schweren Späher entfalten in 36 000 Kilometer Höhe filigrane Parabolantennen mit einem Durchmesser, der mit 150 Metern der Höhe des Kölner Doms entspricht. Diese Satelliten werden für die Aufzeichnung von Funkverkehr, Telephon, Datenübertragung, Kommandos an Raketen oder von Feuerleit-Radars eingesetzt.

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Die gewaltigen Antennen sind damit größer als die des amerikanischen "Deep Space Network", die einen Durchmesser von etwa 75 Metern haben und Signale schwach piepender Raumsonden vom Mars, Jupiter oder sogar dem Rand unseres Sonnensystems empfangen können. Selbst das größte bewegliche Radioteleskop der Welt in Effelsberg in der Eifel kommt nur auf einen Durchmesser von rund hundert Metern.

Auch im Bereich des sichtbaren Spektrums ist das All voller Himmelsspäher, zumindest weiß man jetzt über die amerikanischen etwas besser Bescheid. So haben die Vereinigten Staaten von 1961 bis 1992 insgesamt 266 optische Aufklärungssatelliten ins All geschossen. Immerhin fünfzig Startversuche blieben erfolglos. Nach den Key-Hole-Satelliten aus den sechziger Jahren, die belichtete Filme in speziellen Kapseln ausstießen (Flugzeuge fingen sie mit Netzen in der Luft auf), werden heute die vierzehn Tonnen schweren Kennan-Satelliten eingesetzt, deren Ausmaße jene eines mittleren Omnibus erreichen. Sie senden ihre Bilder digital über den Übertragungssatelliten TDRS (Tracking and Data Relais Satellite). Ihr Auflösungsvermögen liegt bei etwa fünfzehn Zentimetern. Vier dieser Satelliten kreisen bereits um die Erde, ein fünfter soll demnächst folgen.

Doch damit nicht genug: Neben den elektronischen und optischen Himmelsspionen verfügen die Amerikaner über vierzehn Tonnen schwere Aufklärungssatelliten mit Radargeräten an Bord, die im Gegensatz zu den optischen Instrumenten auch nachts und durch dicke Wolkendecken hindurchspionieren können. Die Radarbilder sollen eine Auflösung von etwa einem Meter haben. Damit wären Fahrzeuge aller Art, Truppenbewegungen und Manöver jederzeit zu orten. Weitere amerikanische Weltraumaufklärer sind Überwachungssatelliten, deren Infrarot-Detektoren die Ozeane im Visier haben. Dazu kommen Frühwarnsatelliten, die jede startende Rakete aus dem All aufspüren, Weltraumaufklärer, die Ausschau nach verbotenen Atomtests in der Atmosphäre halten und weitere Spezialsatelliten, zum Beispiel für die Luftverteidigung über der Arktis.

Diesem beachtlichen amerikanischen Arsenal militärischer Weltraumsatelliten stehen die Sowjets beziehungsweise Russen nicht nach. Von den bis zum 12. April vergangenen Jahres gestarteten 2984 Kosmos-Satelliten waren 2311 mit militärischen Aufgaben betraut.

Demgegenüber wirken die europäischen Anstrengungen sehr bescheiden. Vor wenigen Wochen wurde der erste europäische Aufklärungssatellit, der französische Helios-1A, gestartet, der mit sichtbarem Licht arbeitet und unter günstigen Bedingungen eine Auflösung von weniger als einem Meter erreichen soll (ZEIT vom 30. Juni 1995). Zu einer Entscheidung über den gemeinsamen Bau eines deutsch-französischen Radarsatelliten, die seit einem halben Jahr erwartet wird, konnten sich Kohl und Chirac auf dem Gipfel in Straßburg am 11. Juli jedoch nicht durchringen - ganz zu schweigen von weitergehenden Versuchen, die europäische Weltraumaufklärung auf eigene Füße zu stellen. In Paris zumindest gibt es solche Pläne.

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