Strohköpfe ohne Helm

Jährlich rund tausend Bundesbürger teilen das tragische Schicksal des Radprofis Fabio Casartelli. Sie verunglücken tödlich mit dem Fahrrad. Viele von ihnen könnten noch leben, hätten sie nur einen Sturzhelm getragen.

Zugegeben, ob ein Kopfschutz Casartelli bei seinem Sturz das Leben gerettet hätte, ist nicht sicher. Nur ein schwerer Motorradhelm mit Kinnschutz hätte ihn vor Frakturen bewahren können. Fahrradhelme stellen Kompromisse dar: Einerseits sollen sie den Kopf möglichst rundum schützen. Andererseits muß ihr Träger noch bequem radeln können. Sie dürfen nicht Sicht, Atmung und Luftzirkulation beeinträchtigen. Das führt zu Abstrichen an der Sicherheit. Dennoch: Moderne Fahrradhelme dämpfen einen Aufschlag enorm und verteilen zudem den Druck auf den ganzen Schädel. Bei Unfällen verhüten sie rund die Hälfte aller Hirnverletzungen und mehr als drei Viertel der Schädelbrüche. Die Schale auf dem Kopf sollte daher genauso selbstverständlich sein wie das Anlegen des Sicherheitsgurtes im Auto.

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Was aber tun die meisten Profis bei der Tour de France? Sie radeln oben ohne. Bei fast vierzig Grad im Schatten einen Helm zu tragen - das sei unzumutbar, sagt etwa der deutsche Bergspezialist Udo Bölts. Eine gegenstandslose Behauptung, hält Ernst von der Osten-Sacken dagegen. Er ist Deutschlands einziger Maschinenbauprofessor, der sich mit Fahrradtechnik befaßt, und überzeugt: "Bei Hitze ist es weniger heiß, mit Helm zu fahren als ohne." Um das zu beweisen, machte er in seinem Labor an der TH Aachen ein Experiment. Er erwärmte Wasser in einer Kugel, die er unter eine Lichtquelle in einen Luftstrom stellte. Einmal ließ er den Wasserkopf "barhäuptig" und maß die Wassertemperatur. Dann setzte er ihm einen gut belüftenden Fahrradhelm auf. Das Wasser blieb darunter kühler als ohne den Schutz. Für die Haltung der Radprofis hat von der Osten-Sacken daher nur Sarkasmus übrig: "Der Versuch ist wohl nicht übertragbar auf Strohköpfe."

Ob Stroh- oder Wasserkopf: Die Tour-Fahrer argumentieren weiter, während der Bergabfahrten erreichten sie bis zu neunzig Stundenkilometer, und bei solchen Geschwindigkeiten sei es egal, ob man einen Helm trage. Doch auch diese Behauptung entlarvt der Fahrradprofessor als faule Ausrede: "Dann müßten die ja bei der Formel 1 nackt am Steuer sitzen." Der Sturz von Olaf Ludwig vom Team "Deutsche Telekom" auf der vierten Etappe der Tour straft die Profi-Treter Lügen. Dank Sturzhelm erlitt Ludwig trotz hohen Tempos nur eine Gehirnerschütterung.

Es sei alles Quatsch, was die Rennfahrer sagen, schimpft von der Osten-Sacken, der selbst vor zwei Jahren einen Unfall mit dem Fahrrad nur überlebt hat, weil er einen Kopfschutz trug. Indurain und Co. hätten bloß Angst, als Feiglinge dazustehen. Bei Autorennen sträubten sich die Piloten aus dem gleichen Grund lange davor, Helme zu tragen. Soviel zu den Motiven der Profis.

Aber warum verweigert Otto Normalradler den Helm? Es ist immer dieselbe alte Leier von Gewohnheit und Bequemlichkeit. Auch bei den Motorradfahrern dauerte es Jahrzehnte, bis sich der Kopfschutz durchsetzte. Ebenso waren die Gurtmuffel eine zählebige Spezies.

Eigentlich sollten die Stars von der Tour de France Vorbilder sein. Doch trotz Casartellis Tod werden sie nächstes Jahr wohl wieder barhäuptig antreten. Mit Argumenten scheint ihnen nicht beizukommen zu sein. Wahrscheinlich hilft da wieder mal nur eins: Geld, viel Geld. Wenn die Summe stimmt, würde Miguel Indurain bestimmt seinen Kopf dafür hergeben, für einen Helmhersteller Reklame zu fahren und damit einigen seiner Nachahmer das Leben zu retten.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31/1995
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    • Schlagworte Deutsche Telekom | Radsport | Fahrrad | Autorennen | Aachen
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