Ungeliebte Infobahn

Nur wenige Monate ist es her, da elektrisierte die Idee von der nahen Informationsgesellschaft die Öffentlichkeit; auch ohne ein genaues Bild davon zu haben, beschworen Politiker und Unternehmer eine phantastische Zukunft. Nun werden in Deutschland tatsächlich die Weichen für die digitale Welt in Wohnzimmern und Büros gestellt - und niemand redet mehr davon.

Im Bonner Technologierat debattiert Zukunftsminister Jürgen Rüttgers mit führenden Köpfen aus Wirtschaft und Universitäten, wie sie der Informationsgesellschaft den Weg ebnen können. Schon im Herbst will der elitäre Zirkel seine Gesetzespläne dem Kabinett vorlegen. Aus einer ähnlich hochkarätig besetzten Runde, den Petersberger Gesprächen, ist jetzt ein Empfehlungskatalog der Industrie hervorgegangen. Dagegen schieben die Parlamentarier das Thema auf die lange Bank: SPD und Grüne wollen eine Enquetekommission über Chancen und Risiken der Informationsgesellschaft. Ein purer Anachronismus: Bis sich die Volksvertreter im Parlament eine Meinung gebildet haben, werden draußen längst Tatsachen geschaffen sein.

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Die Debatte um Deutschlands digitale Zukunft geht in ihrer entscheidenden Phase ganz offensichtlich am größten Teil der Gesellschaft vorbei. Die Deregulierer aus Regierung und Wirtschaft können zwar versuchen, nach dem amerikanischen Vorbild sämtliche Hürden auf der Infobahn zu entfernen. Aber ohne breite Akzeptanz für die neue Technik wird der Aufbruch in die Informationsgesellschaft hierzulande sehr schnell steckenbleiben. Und dies ist die Gefahr dabei.

Besonders stark wird die Telearbeit in das gewohnte Leben vieler Menschen eingreifen. Immer mehr Berufstätige werden zu Hause oder unterwegs am Computer arbeiten und die Früchte ihres Wirkens nur noch per Datenleitung in die Firma schicken. Oft genug werden sie nur für kurze Zeit angestellt sein, Teilzeit arbeiten oder als Selbständige operieren. Die Folgen sind gewaltig: Die Grenze zwischen Arbeitnehmern und Selbständigen wird verwischt, vielfach lassen sich die Schutzregeln aus Arbeitsgesetzen und Tarifverträgen nicht mehr anwenden.

Die Mitgliederbasis der Gewerkschaften geht weiter zurück. Und die neuen Arbeitsformen erodieren das Sozialsystem, weil sich mit Hilfe der Infobahn weitere Beitragszahler als Selbständige aus dem System ausklinken werden. So droht die digitale Revolution das Tarif- und Sozialsystem langsam, aber sicher seiner Wirkung zu berauben.

Die Aussicht auf eine unsichere und individualisierte Arbeitswelt bedroht nicht nur die Gewerkschaften in ihrer Existenz, sondern macht auch vielen Arbeitnehmern angst - und dürfte sie dazu veranlassen, die Infobahn von vornherein abzulehnen. Wachsender Widerstand in den Betrieben gegen die neue Technik ist die sichere Folge, und die positiven Möglichkeiten der Telearbeit werden dann gar nicht erst wahrgenommen. Die Unternehmen werden es schwerer haben, den für sie notwendigen Wandel zu veranlassen.

Die Frage, wie sich diese Entwicklung abfedern läßt, steht derzeit kaum auf der Bonner Tagesordnung. Zu Unrecht: Perfekte Lösungen hat zwar niemand parat - und einige begrüßen die Erosion des Tarif- und Sozialsystems ohnedies. Aber es ist schon der Prüfung wert, ob nicht die Rechte der Arbeitnehmer gestärkt werden können, die daheim oder unterwegs am Computer arbeiten werden. Von der Regelung ihrer Arbeitszeit bis zum Schutz ihrer Privatsphäre werden sich ihnen neue Probleme stellen. Diskutabel ist bei allen ordnungspolitischen Bedenken auch die Frage, ob der Gesetzgeber wirklich sämtliche Formen der Selbständigkeit in der Informationsgesellschaft hinnehmen muß.

Es geht indes nicht nur um Telearbeiter, sondern auch um Konsumenten im Wohnzimmer, die der Flut an Fernsehprogrammen, Videospielen und telekommunikativen Möglichkeiten nicht mehr Herr werden, Kontakte mit anderen Menschen zugunsten elektronischer Erlebnisse abbrechen und sozial verkrüppeln. Glaubt man Befragungen, dann fühlt sich fast die Hälfte der Deutschen von der Medienschwemme überfordert, ebenso viele fürchten wachsende Vereinsamung. Doch gerade die Kulturkritiker, die der Medienzukunft mit Grauen entgegensehen, kommen in der politischen Debatte kaum vor. Dabei gilt für sie das gleiche wie für einen Teil der Arbeitnehmer: Es nützt wenig, über deutsche Technologieskepsis und hinderliches Sicherheitsdenken zu lamentieren. Greift die Politik ihre Bedenken jetzt nicht auf, wird der Widerstand in Zukunft nur um so größer sein.

Um den Menschen den Zugang zur Infobahn zu erleichtern, sind vor allem die Bildungspolitiker gefragt. Dabei müssen Schüler nicht nur lernen, wie sie einen Computer benutzen und im Internet Informationen suchen können. Es ist ebenso wichtig, ihnen einen aufgeklärten Umgang mit den digitalen Medien zu vermitteln. Sie sollten zwischen Sein und Schein am Bildschirm unterscheiden können, wissen, daß sich digitale Bilder perfekt fälschen lassen, sich über die Interessen und die Verflechtungen großer Medienkonzerne im klaren sein.

Die Furcht, daß banale und brutale Fernseh- und Computerprogramme die Infobahn dominieren, ist nicht aus der Luft gegriffen. Dagegen müssen die Bonner Auguren der Infobahn mehr sozial nützliche Anwendungen auf den Weg bringen. Vernetzte Bibliotheken, Schulen und Arztpraxen sind allemal wichtiger als abrufbare Filmarsenale. Das Unterhaltungsangebot darf nicht behindert werden, doch es wird sich ohnehin durchsetzen, wenn genug Konsumenten dafür bezahlen wollen.

Ernst zu nehmen ist schließlich auch die Angst vor dem "großen Bruder", vor Lausch- und Leseangriffen des Staates auf die eigene elektronische Kommunikation. Christdemokrat Jürgen Rüttgers legt sich aus gutem Grund mit den Sicherheitspolitikern in der eigenen Partei an. Abhörprivilegien für Polizei und Geheimdienste, wie sie die Regierung beim Mobilfunk durchgedrückt hat, würden die Akzeptanz der Infobahn nur schwächen.

Fazit: Auf dem Weg in die Informationsgesellschaft reicht es nicht, die Hürden von der Infobahn zu entfernen - Netze zu deregulieren, Technik bereitzustellen und juristische Fragen wie eine Anpassung des Urheberrechts zu lösen. Gerade damit die deutsche Wirtschaft schnell die Potentiale der Informationstechnologie nutzen kann, muß die Debatte auf eine breitere Basis gestellt werden. Sonst ist die Infobahn am Ende zwar befahrbar, es fehlt ihr aber die notwendige Akzeptanz. Man kann es ja bedauern, daß die neue Technik hierzulande nicht wie in Amerika, dem auf vielen Informationsmärkten führenden Land, mit Begeisterung umarmt wird. Doch gerade wer die Volkswirtschaft für die Zukunft wappnen will, muß die Bedenkenträger ernst nehmen.

 
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