Ungeliebte InfobahnSeite 2/2
Es geht indes nicht nur um Telearbeiter, sondern auch um Konsumenten im Wohnzimmer, die der Flut an Fernsehprogrammen, Videospielen und telekommunikativen Möglichkeiten nicht mehr Herr werden, Kontakte mit anderen Menschen zugunsten elektronischer Erlebnisse abbrechen und sozial verkrüppeln. Glaubt man Befragungen, dann fühlt sich fast die Hälfte der Deutschen von der Medienschwemme überfordert, ebenso viele fürchten wachsende Vereinsamung. Doch gerade die Kulturkritiker, die der Medienzukunft mit Grauen entgegensehen, kommen in der politischen Debatte kaum vor. Dabei gilt für sie das gleiche wie für einen Teil der Arbeitnehmer: Es nützt wenig, über deutsche Technologieskepsis und hinderliches Sicherheitsdenken zu lamentieren. Greift die Politik ihre Bedenken jetzt nicht auf, wird der Widerstand in Zukunft nur um so größer sein.
Um den Menschen den Zugang zur Infobahn zu erleichtern, sind vor allem die Bildungspolitiker gefragt. Dabei müssen Schüler nicht nur lernen, wie sie einen Computer benutzen und im Internet Informationen suchen können. Es ist ebenso wichtig, ihnen einen aufgeklärten Umgang mit den digitalen Medien zu vermitteln. Sie sollten zwischen Sein und Schein am Bildschirm unterscheiden können, wissen, daß sich digitale Bilder perfekt fälschen lassen, sich über die Interessen und die Verflechtungen großer Medienkonzerne im klaren sein.
Die Furcht, daß banale und brutale Fernseh- und Computerprogramme die Infobahn dominieren, ist nicht aus der Luft gegriffen. Dagegen müssen die Bonner Auguren der Infobahn mehr sozial nützliche Anwendungen auf den Weg bringen. Vernetzte Bibliotheken, Schulen und Arztpraxen sind allemal wichtiger als abrufbare Filmarsenale. Das Unterhaltungsangebot darf nicht behindert werden, doch es wird sich ohnehin durchsetzen, wenn genug Konsumenten dafür bezahlen wollen.
Ernst zu nehmen ist schließlich auch die Angst vor dem "großen Bruder", vor Lausch- und Leseangriffen des Staates auf die eigene elektronische Kommunikation. Christdemokrat Jürgen Rüttgers legt sich aus gutem Grund mit den Sicherheitspolitikern in der eigenen Partei an. Abhörprivilegien für Polizei und Geheimdienste, wie sie die Regierung beim Mobilfunk durchgedrückt hat, würden die Akzeptanz der Infobahn nur schwächen.
Fazit: Auf dem Weg in die Informationsgesellschaft reicht es nicht, die Hürden von der Infobahn zu entfernen - Netze zu deregulieren, Technik bereitzustellen und juristische Fragen wie eine Anpassung des Urheberrechts zu lösen. Gerade damit die deutsche Wirtschaft schnell die Potentiale der Informationstechnologie nutzen kann, muß die Debatte auf eine breitere Basis gestellt werden. Sonst ist die Infobahn am Ende zwar befahrbar, es fehlt ihr aber die notwendige Akzeptanz. Man kann es ja bedauern, daß die neue Technik hierzulande nicht wie in Amerika, dem auf vielen Informationsmärkten führenden Land, mit Begeisterung umarmt wird. Doch gerade wer die Volkswirtschaft für die Zukunft wappnen will, muß die Bedenkenträger ernst nehmen.
- Datum 11.08.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 33/1995
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