Aristoteles", so soll Heidegger einmal zu Beginn einer Vorlesung resümiert haben, "wurde geboren, arbeitete und starb." Gewiß ist dieser Standpunkt für den Biographen unannehmbar, aber er ist auch schlecht beraten, wenn das Werk völlig hinter dem Persönlichen zurücktritt. Eine solche Trennung begibt sich der Chance, im Wechselspiel und Beziehungsgeflecht der Personen, in ihren informellen Kommunikationen und verschwiegenen Milieus die Umrisse einer intellektuellen Kultur - oder Subkultur - nachzuzeichnen. Die letzte Instanz biographischer Verfehlung aber, die sich immer aufdrängt, wenn persönliche Liebschaften im Spiel sind, präsentiert sich als Perspektive des Schlüssellochs, die das Intime ausbeutet.

Die biographische Skizze der Beziehungen zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger, die die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Elzbieta Ettinger vorgelegt hat (sie ist Teil einer umfangreichen Biographie), ist von solchen Anwandlungen nicht immer frei. Die Liaison, die Ettinger präsentiert, gehört zu den großen Arkana persönlicher Philosophiegeschichte des Jahrhunderts. Sie begann 1925 mit einer Liebesbeziehung zwischen dem Marburger Ordinarius und seiner achtzehnjährigen Studentin - und dauerte als wechsel- und spannungsreiche Freundschaft ein ganzes Leben. Ettinger stutzt diese Verbindung auf ihren privaten Kern zurück. Dabei kann sie auf den bislang unerschlossenen Briefwechsel zwischen Arendt und Heidegger zurückgreifen. (Obwohl auch sie aus Heideggers Briefen nicht zitieren durfte, sondern nur Paraphrasen anbieten kann.) Dieser Austausch, der nach dem Krieg zu Besuchen Arendts in Freiburg führte, immer wieder von Pausen des Schweigens unterbrochen wurde, aber doch anhielt - welch ein Stoff! Und doch wird er von Ettinger verschenkt. Da stimmt die Erinnerung beispielsweise an Martin Greens Doppelportrait der Richthofen-Schwestern (1974) wehmütig. Green hatte es verstanden, im Beziehungsnetz der beiden Schwestern Else und Frieda die Geistes- und Sozialgeschichte Heidelbergs sichtbar zu machen. Bei Ettinger vermißt man solche Tiefenschärfe.

Man erkennt in Martin Heidegger einen jener Männer, die lieben lassen, und in Hannah Arendt eine jener emanzipierten und ambitionierten Frauen, die sich aus der (Selbst-)Bindung nie ganz herauszuwinden vermochten. Er war für sie der Mann, "dem ich die Treue gehalten habe und nicht gehalten habe, und beides in Liebe", schreibt sie 1960. Für den Leser bleibt die Treue dieser doch offenbar so ungleichgewichtigen Beziehung ein Rätsel, dessen "Lösung" mit kleiner Münze erkauft wird - als masochistisch-asymmetrische Bindung, in der Heidegger immer die "Oberhand" behalten habe. Diese Deutung kann nur bestehen, weil und solange die intellektuelle Spannung ausgeblendet bleibt. Es wäre reizvoll gewesen, die vielen Dreiecksbeziehungen dieses Kreises auszuleuchten - zwischen Arendt, Heidegger und Jaspers; zwischen den erstgenannten und Heideggers Frau Elfriede; zwischen Arendt, Jaspers und Arendts Mann Heinrich Blücher. Aber das alles bleibt in Andeutungen stecken.

Vor allem gerät der Biographin völlig aus dem Blick, wie Arendt aus der Begegnung mit den beiden Seiten der Existenzphilosophie (Heidegger und Jaspers) eine eigene Position zu gewinnen vermochte, die ihr zu einer - ganz "unfeministisch" verstandenen - Unabhängigkeit verhalf, die Jaspers geradezu "unheimlich" anmutete. Nichts erfahren wir von ihrem Ausbruch aus dem apolitischen Gehäuse der Heideggerschen Philosophie, mit dem das "Mädchen aus der Fremde" (Arendt über Arendt) in der Formel vom "Paria" Zugang zu einem Konzept der politischen Bürgerexistenz und zu einer politischen Philosophie fand, deren Kenntnisnahme Heidegger lebenslang verweigerte. Der Ort ihres Philosophierens und ihre Stellung zur Welt als Ort der Pluralität hatten sich unter dem Eindruck des Zivilisationsbruchs dramatisch verschoben.

Auch diese Art von Unabhängigkeit finden wir in Ettingers Skizze nicht wieder - und schon gar nicht jene lakonische Souveränität, mit der sie einmal Hans Jonas auf dessen Frage: "Sag mir bitte Hannah, hälst Du mich für dumm?" geantwortet hatte: "Aber nein. - Ich halte Dich nur für einen Mann."

Elzbieta Ettinger:

Hannah Arendt - Martin Heidegger