Verwirrung total. "Der Löwe" ist Ehrenname des Mannes, dessen persönliches Wappentier jedoch ein goldenes Pferd ist (das springende weiße Niedersachsenroß bis heute). Sollen wir aber aus dem Namen Welf nicht die Bezeichnung Wölfin hören, das nährende Muttertier, oder Welpe, Rüde, das zum Kampf entschlossene Wild?

Nun ist dem Löwenheinrich, der in der Heldensage, eingenäht in die Pferdehaut, von einem Greifen aus dem untergehenden Kreuzfahrerschiff gerettet und durch die Lüfte getragen wird, oft auch der Drachenvogel beigesellt. Der kleine Paradieszoo, in dem der Sachsen-Herzog zu suchen ist, wächst noch weiter, wenn wir lesen, was Casper Peucer unter das Bild "Herzog Heinrich der Leo" schrieb, das Lucas Cranach der Jüngere 1578 in Wittenberg auf Fichtenholz gemalt hat: "Vonn der Elb biss an den Rheinn, / Vonn Hartz bis an die See was mein, / Zum Glauben ich die Wennden bracht, / Bayern-Lanndt besass Ich mit Macht, / Der Kayser mich der Ehrnn enntsetzt, / Braunschweig, Lüneburg blieb mir zuletzt, / Mein Geschlec ht besitzt noch heut die Landt, / Reichard der König aus Enngelandt / Zween Leoparden mir zum Wappen gab, / da ich beraubt was Ehren und hab."

Wer bei Welfen nur an hannöversche und braunschweigische Lande denkt, steht in der auf mehrere Gebäude verteilten Ausstellung in Braunschweig, "Heinrich der Löwe und seine Zeit - Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235", verwirrt vor dem Stammbaum des alten Geschlechts und vor Landkarten, die den Herrschaftsbereich der Welfen und Heinrichs des Löwen vor Augen führen. Es braucht da schon eine große Europakarte: von der Grafschaft York in England bis zum Fürstentum Sardinien, vom Herzogtum Aquitanien am Atlantik bis weit hinein nach Kroatien, Böhmen, Polen. Man sieht auf einen Blick, wie gefährlich dem Staufen-Kaiser Friedrich Barbarossa ein Vetter werden mußte, der vor 800 Jahren Herzog von Sachsen und Bayern war, Herrscher über die Markgrafschaften Österreich und Steiermark.

Die Welfen waren ursprünglich ein fränkisches Adelsgeschlecht im Elsaß, in Lothringen. "Sie stammen von jenen Franken ab, die einst aus Troja ausgewandert waren", verkündet stolz die "Historia Welforum".

Da haben wir schon einen Grund dafür, weshalb von diesem Geschlecht, vor allem von seiner mächtigsten, am stärksten schillernden Gestalt, Heinrich dem Löwen, solche Strahlkraft ausgeht - bis heute, bis in die Winkel und Nischen der fast tausend kostbare Gegenstände sammelnden Ausstellung: Stets haben die Welfen verstanden, in Chroniken und Gebetbüchern ihren Ruhm auszubreiten. Heinrich hat seinem Löwen-Namen Ehre und mit dem Schwert auch Bischöfe und Klöster gefügig gemacht. Kaum waren sie ihm untertan, hat er sie sich durch Geschenke, Stiftungen, Reliquien, die ihnen den Opferstock füllten, verpflichtet. Das Wort "Repräsentation" erscheint mit Recht im Titel der Ausstellung. Besonders Heinrich war ein Genie der Public Relations. Wie man Wissenschaft und Künste fördert, wenn man nicht nur ein mächtiger, sondern auch ein großer Herrscher werden will: Unsere kleinmütigen Politiker und eitlen "Länderfürsten" könnten an einem halben Tag in Braunschweig einiges lernen.

Im Mittelalter gab es zur Mehrung von Besitz und Macht noch das bequeme Mittel geschickter oder auch nur skrupelloser Heiratspolitik. Andächtig buchstabieren wir auf den sich immer üppiger verzweigenden Stammbäumen der Welfen, die zuerst in Schwaben, zwischen Bodensee und Lech, wo ihre Hauptburg Altdorf lag, ihre Hausmacht ausbildeten, die heute fremd klingenden Namen von hoffentlich nicht immer zwangsvermählten Frauen: Hemma und Roduna, Atha und Ita, Imiza (Irmtraud) und Cuniza (Kunigunde), Richenza, Wulfhild und Garsenda - welcher Namenszauber neben all den brav weitergezählten Welf IV., Rudolf III. oder al len Heinrichen - einer heißt wenigstens der "mit dem goldenen Wagen", und er, er heißt nicht nur, sondern ist auch noch heute "der Löwe".

Natürlich, wir sehen ihn hier, in der Ausstellung und an den Verkaufsständen der Museen, auch als Plüschlöwen aus dem "Merchandising-Sortiment des Verkehrsvereins Braunschweig als offizielles Souvenir-Angebot", als weißen Marzipanlöwen auf dunklem Schokoladengrund, als Abklatsch auf Pralinenschachteln und Bierkrügen, gnadenlos vermarktet auf Krawattenspangen, Briefmarken, Radiergummis oder auf der jetzt, als "erstes Sekundär-Produkt zur Landesausstellung" in den Handel gebrachten Kaffeedose (250 Gramm).