AMSTERDAM. - Vergangene Woche wurde mein geographisches Wissen über Indonesien um einen neuen Ortsnamen erweitert: Rawagedeh. An diesem Ort, so enthüllte jetzt ein Dokumentarfilm im holländischen Fernsehen, starben während der "Polizeiaktion" - niederländischer Euphemismus für den blutigen Kolonialkrieg in den Jahren 1945 bis 1949 - 431 Zivilisten. Niederländische Soldaten, die auf der Suche nach einem Widerstandskämpfer waren, haben sie regelrecht abgeschlachtet.

Die Nachricht kommt zu einem Zeitpunkt, da Königin Beatrix sich für eine heikle Reise nach Indonesien rüstet. Sie will vier Tage nach den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag indonesischer Unabhängigkeit in Jakarta eintreffen. Pünktlich zum Festtag am 17. August kann sie nicht anreisen, weil Den Haag dieses Datum bis heute nicht anerkennt.

Die Niederlande, immer ausgesprochen aktiv im Kritisieren (der Vergangenheit) anderer, offenbaren nun ihre eigenen offenen Wunden. Die koloniale Vergangenheit, vor allem deren Ende, ist ein unbewältigtes und weitgehend verschwiegenes Kapitel unserer Geschichte. Die niederländische Armee kehrte geschlagen zurück - geschlagen vom Weltsicherheitsrat: "Stoppt die kolonialen Panzer!" hieß es damals, und die Vereinigten Staaten drohten damals offen, den Niederlanden die Gelder des Marshallplans zu streichen.

Die Generation, der ich angehöre, verbrachte ihre Jugend mit Demonstrationen gegen die Franzosen in Algerien und danach gegen die Amerikaner in Vietnam. Über unser höchst eigenes Vietnam, einschließlich Dutzender von My Lais, hatte damals noch niemand von uns etwas gehört. 1969 wurde endlich ein Tabu gebrochen: Joop Hueting, ein Universitätsprofessor und ehemaliger Soldat in Niederländisch-Indien, trat vor die Fernsehkameras und schockierte die Nation: "Ich habe Kriegsverbrechen begangen und auch beobachtet." Er wurde von vielen als Lügner und Nestbeschmutzer beschimpft. Aber die Regierung sah sich gezwungen, eilends eine Untersuchung einzuleiten. Das Ergebnis war der "Exzeß-Rapport" (nicht etwa Kriegsverbrechen-Rapport); in keinem einzigen Fall kam es zur Strafverfolgung.

Viele Fragen blieben offen, unbeantwortet. Aber so blieb auch die niederländische Gewißheit unerschüttert, daß sich alle Schlechtigkeit der Welt jenseits des Rheins befand, in der Heimat der früheren Nazis. Wir Niederländer waren in Indonesien allenfalls hier oder da "etwas zu weit" gegangen.

Das war die übliche Umschreibung für Taten, wie sie etwa Kapitän Westerling begangen hat: Dieser Mann hatte viele Rawagedehs auf seinem Gewissen, übrigens unter Mitwisserschaft höchster Regierungskreise. Der unerschütterliche Unterschied zwischen Gut und Böse sorgte auch dafür, daß unsere Veteranen stets wie von der Tarantel gestochen reagierten, wenn ein Landsmann die "verbotene Metapher" verwendete. "Macht aus unseren Jungs keine SS-Männer", hatte 1946 ein Parlamentsmitglied vergeblich gewarnt.

Während unseres Kolonialkrieges in Indonesien verweigerten etwa 7000 junge Männer den Griff zur Waffe. Das war ein Rekord. Aber es gab nur einen Mann, der zur anderen Seite überlief: Jan Poncke Princen. Kein anderer Name weckt in den Niederlanden bis heute soviel Emotionen. Als "Verräter" zum Tode verurteilt, nahm er nach der Unabhängigkeit die indonesische Nationalität an und wurde dort als unbequemer Kämpfer für die Menschenrechte bekannt.