Verleugnetes ErbeSeite 2/2
Als Jan Poncke Princen jedoch 1993, also 44 Jahre nach Ende des Krieges, seine Kinder und Enkelkinder in den Niederlanden besuchen wollte, wurde ihm das Visum verweigert. Die politischen Parteien und die Regierung trauten sich nicht, es mit den zwar schrumpfenden, aber noch immer lautstarken Reihen der Veteranen aufzunehmen.
Außenminister van Mierlo erteilte Princen schließlich in diesem Jahr das erste Visum; unsere Medien nannten diese moralische Selbstverständlichkeit eine "mutige Tat". Der Vorschlag für eine breite nationale Debatte aber wurde schnell wieder zurückgezogen. Warum sollen wir alte Geschichten aufwärmen? hieß es. Dabei stört es uns nicht, daß wir von anderen - gerade auch unserem östlichen Nachbarn - verlangen, sich ihrer Geschichte zu stellen und am besten weitere 50 Jahre lang den Mund zu halten.
Und doch wäre es gut für die Niederlande, wenn eine derartige Debatte und eine internationale Untersuchung des Krieges 1945 bis 1949 endlich stattfände. Zu erforschen wären nicht nur die Kriegsverbrechen, sondern auch die politische Verantwortung: die Irreführung der eigenen Bevölkerung durch die spätkoloniale Propaganda und die Schuld der Befehlshaber in Armee und Politik.
Das Ziel dieser Suche nach der Wahrheit sollte nicht etwa sein, die Niederländer endlich zu bescheideneren Tönen in der Welt zu erziehen; seine Stimme laut und deutlich zu erheben, wo immer es um Folter und Unterdrückung geht, ist und bleibt eine ehrenwerte Sache. Nein, auf dem Spiel steht das Verständnis unserer eigenen Vergangenheit. Dieses verleugnete Erbe lastet bis heute auf dem alltäglichen Zusammenleben in unserer multikulturellen Gesellschaft.
Überfällig ist auch eine Rehabilitierung der Kriegsdienstverweigerer, die bis in die fünfziger Jahre verfolgt wurden. Um die verbotene Metapher, den verhaßten Vergleich mit den deutschen Besatzern, noch einmal zu bemühen: Niederländische SS-Mitglieder sind 1950 kollektiv begnadigt worden. Der letzte Indonesien-Verweigerer wurde noch 1957 festgenommen und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Die Niederländerin Joke van Kampen ist freie Journalistin.
- Datum 18.08.1995 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 34/1995
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren