Von Beruf: Medienhengst
Käthe B. aus Eckernförde, etwa 33 Jahre alt, gibt an, Melker gelernt zu haben. 1981 kam er nach Berlin. Käthe B., der richtige Name ist den Redaktionen unbekannt, hatte zwar zuvor seinen Wehrdienst absolviert, gehörte aber noch zu jenen jungen Pazifisten, die in der Schule im Rechnen eine Fünf, aber im Malen immer eine Eins hatten und in West-Berlin deswegen irgendwie kreativ tätig werden wollten. Anders als die meisten, die erst mal ein Atelier anmieteten, das sie mit Ölfarbengeruch und einer Staffelei füllten, interessierte sich Käthe B. nicht für die Kunst an sich, sondern mehr für das, was sie an öffentlicher Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Ein Erkenntnisinteresse, wie es schon beim frühen Donald Duck ausgeprägt war, geht es doch in vielen von Donalds Geschichten ausschließlich darum, wie er ohne den Umweg über Arbeit, Leistung und so weiter berühmt werden will. Käthe B. ist das gelungen. Er ist, sagt er von sich, ein "Medienhengst", Medienhengst von Beruf. Auch als er sich 1990 an den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus beteiligte ("Die gute Wahl - Käthe B."), war der Einstieg in eine politische Karriere für ihn nur ein "Sprungbrett, um in die Talk-Shows zu kommen".
Das Anfertigen und Kleben des Wahlplakats hat ihn viel Geld und Zeit gekostet. Überhaupt hat er es sich nie leichtgemacht. So flog er zum Beispiel regelmäßig nach New York. "Das Tolle ist ja, wenn man sagt, daß man da gewesen ist, da reden die Leute gleich ganz anders mit einem", hat Käthe B. Ende 1990 in einem Seminar anläßlich der Ausstellung "Käthe B. und die Photographie" in der Galerie "Voller Ernst" festgestellt.
In New York bekam er auch seine erste Hauptrolle - in einem Film von Miron Zownir. "Das war Zufall", sagt Käthe B. Ein anderer Schauspieler sei krank geworden. "Ich war in dem Film ein Drogendealer, hinter dem zwei Mafiosi her sind. In der Schlüsselszene schlug mir Zownir ein Telephonbuch über den Kopf, und ich mußte daraufhin gegen eine Heizung fallen, und so dann daliegend hat er mich von hinten gevögelt. In dem Moment wußte ich, worum es ging in dem Film und warum der andere Darsteller krank geworden war. Meine Mutter hatte mich immer schon davor gewarnt, nach New York zu gehen und solche Filme zu machen. Aber ich habe mir gedacht: Alle haben so angefangen. Rambo hat früher auch immer solche Sexfilme gedreht. Und was ist das heute für ein Star."
In der erwähnten Ausstellung bekannter Berliner Photographen ging es ausschließlich um Käthe B., der gern mit aufgeklebten Gegenständen wie Kerzen, Glühbirnensockel, Tannenbaum oder Plastikaraber auf dem Glatzkopf posiert. Viele seiner Portraits werden mittlerweile in den hauptstädtischen Touristentreffs als Ansichtskarten verkauft. Einige wurden auch zu Werbeanzeigen weiterentwickelt: Berühmt wurde seine Spargel-Werbung für die Lebensmittelkette Bolle, auf der er das Spargelbund wie Dynamitstangen in der Hand hielt.
Käthe B. geht davon aus, daß es auf eine gewisse Balance zwischen Verausgabung und Einnahmen ankommt: "Wenn ich finanziell am Ende wäre, würde ich Schluß machen. Nie könnte ich so leben wie Anita Ekberg", gestand er einmal dem Satiremagazin Kowalski.
Einkünfte brachte ihm zum Beispiel eine Ausstellung von Röntgenbildern im Oranienstraßen-Studio "Endart" ein: "Gleich am Anfang kam da so 'n Galerist an und hat gefragt, ob ich schon was verkauft hätte. Drei bis vier Teile, habe ich einfach so dahingesagt, und - zack - hat er sich sofort auch eins gekauft."
Neben Kain Karawahn, in dessen Volksbühnenstück "Videoprozeß" Käthe B. 1993 einen Richter spielte, der eine Kamera wegen Betruges zu verurteilen hatte, gehört der Kneipen- und Diskothekenbesitzer Dimitri zu seinen engsten Freunden und Förderern. In dessen Kreuzberger "Fischbüro", wo es um die Vermischung von Alltagsforschung und forschem Alltag ging, stellte sich Käthe B. Ende der Achtziger immer wieder gerne an das der Kneipe zentrale Rednerpult, um den Gästen aus seinem Adreßbuch vorzulesen. Dabei erklärte er, welcher Name darin aus welchem Grund eingetragen war. Später wurde daraus ein regelrechter Discjockey-Job in Dimitris Schöneberger "Fischlabor", wo Käthe B. allnächtens Filmmusiken auflegte. Rückblickend sieht Käthe B. dieses Bargeschäft jedoch kritisch: "Die Grundidee dabei war, viele Superstars, wie Robert de Niro oder Jörg Immendorf etwa, haben am Ende ihrer Karriere eine Kneipe eröffnet, also dachte ich mir: Das machst du gleich am Anfang, dann hast du es hinter dir. Aber drei Jahre war zu lang, nur wegen des Geldes bin ich dabeigeblieben."
Danach ein kurzes Selbstinterview als Videofilm: "To B. or not to B." sowie eine Einladung zu einer zehntägigen Albanienreise, wo er dann unter dem Schutz bewaffneter Bodyguards badete: "Das war mal was ganz anderes!" Talk-Show-Auftritte und öffentliche Meinungsäußerungen (über den Golfkrieg etwa) waren ihm da schon zur Routine geworden, sogar als Sänger trat er einmal auf, und von global players wie Genscher und Daimler-Benz inspiriert, gründete er spontan die "Käthe B. Production": "Irgendwie bin ich in so 'n Mediensog reingekommen. Da hab' ich echt gemerkt, daß ich dadurch 'n bißchen arrogant geworden bin. Aber nur ganz kurz - paar Minuten, schätz' ich." Später präzisierte er: "In zwei Wochen sechzig Interviews, und du bist anders als alle anderen."
Seit 1986 gibt es den Käthe B. Fan-Club (KBFC), aus dem man nicht austreten kann ("In Käthe We Trust"). Dafür werden alle paar Jahre die Ausweise neu ausgegeben. Highlights des Clublebens waren bisher die öffentlichkeitswirksam feininszenierten Auftritte von Käthe B. in verschiedenen europäischen und New Yorker Großfußgängerzonen, wo er jedesmal seinen Kahlkopf in eine frischzementierte Gehwegplatte drückte.
Zu den berühmtesten KBFC-Mitgliedern zählen Paul Simon und Madonna, die sich mit Käthe B. auch photographieren ließen: "Eigentlich wollte die Photographin in New York nur Madonna knipsen. Aber ich habe inzwischen schon so ein Gehör, daß ich in dem Moment, wo die Photographen auslösen, und ich bin ganz woanders, da höre ich das, und dann - sssst - bin ich ganz schnell im Bild, zeichentrickmäßig. Das sieht man ja auf dem Bild: Ich stand eigentlich nur im Weg."
Mittlerweile ist es eher umgekehrt - seine Fans langweilen ihn: "Die Ironie geht verloren, wenn da Leute ernsthaft eintreten. Ich überlege mir schon, ob ich den ganzen Club inklusive aller Mitglieder nicht an einen abgehalfterten Schlagersänger oder Discjockey verkaufen soll." In einer seiner Ausstellungen bot er bereits ein "Personality-Set" (für 49,95 Mark) an, bestehend aus einer Filmglatze, Visitenkarten, Ausweis et cetera: "Die perfekte Ausstattung für Doppelgänger." Hinzu kommen müßten noch seine schwerfällig-schleswigsche Art sowie der merkwürdige Widerspruch zwischen seinem jugendlichen Gesichtsausdruck und seinem eher massigen, gedrungenen Körper, der sich noch in seinen Gedanken wiederfindet, bei denen man nie weiß, ob und wie ernst er sie meint.
Obwohl er gerne "rumlungert", bemühte Käthe B. sich unlängst erstmalig selbst um eine Rolle: Er rief beim Regisseur Detlev Buck an und bat darum, in dessen neuestem Berlin-Film mitspielen zu dürfen. "Du bist bereits vorgesehen", wurde ihm geantwortet.
Kürzlich hat sich Käthe B., weil nebenan gerade seine Wohnung renoviert wird, in einem Laden am neuen Kreativcenter Haakesche Höfe in Berlin-Mitte einquartiert, wo er alle vier Räume mit Videokameras bestückte. Deren Bilder werden auf einen Monitor übertragen, der im Schaufenster steht: "Käthe B. at Home". Das "Überwachtes-Wohnen-Experiment" soll bis Oktober dauern. Tag und Nacht klumpen sich nun die Zuschauer draußen vor dem Monitor, und die Journalisten platzten gleich im Dutzend bei ihm rein.
Hernach war wieder von "Exhibitionismus" (SZ), "Voyeurismus" (Zitty) und von einem "Meister der Selbstdarstellung" (Morgenpost) die Rede. Der Mann von dpa notierte sich penibel die "Titel der Platten", die Käthe B. auflegte, und die Frau aus der taz merkte sich all seine "Statements" dazu. Käthe B. freut sich nicht nur über diese geballte "Medienpräsenz", sondern insbesondere darüber, "wie gut die das untereinander, als Fernsehsender und Printmedien, abgestimmt haben: Wenn man einen Beitrag gerade vergessen hatte - boff, kam der nächste". Mir verriet er: "Bevor du kamst, war gerade der Spiegel da, und für übermorgen hat sich die Woche angesagt."
- Datum 18.08.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 34/1995
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